Der Soldat – Kirmes

Vor einiger Zeit las ich auf dem Blog Zur falschen Zeit am falschen Ort folgendes Zitat:

Das wahre Gesicht eines Menschen zeigt sich nicht bei der ersten Begegnung, sondern bei der Letzten.

Das Gesicht des Soldaten zeigte sich bei unserer letzten Begegnung ziemlich hässlich: wutentbrannt und unfassbar bleich. Ich hatte es geschafft, ihm den Boden unter den Füßen wegzuziehen.

 

Was zuvor geschah: Ich hatte am Freitagabend also weder den Soldaten, noch Ella in der gemeinsamen Wohnung angetroffen. Am nächsten Tag wollte er wegen des Geldes vorbeikommen – eigentlich. Ich glaubte nicht mehr daran, wusste ich doch jetzt, wie der Hase lief. Allein um ihn zu provozieren schrieb ich ihm eine Whatsapp-Nachricht.

Ich: Hey! Wann willst du morgen vorbeikommen? Bin zwischen 12 und 18Uhr zu Hause.

Er: Da kann ich nicht. Bin aber eh bis Montag da, kannst du auch Montag? Wäre mir lieber, weil ich meinen Sohn am Wochenende da habe.

Ich: Wir hatten ne Abmachung…

Er: Pass mal auf. Egal was ist, aber mein Sohn geht vor. Ich komm Montag. Sag mir ne Uhrzeit, dann ist das Thema durch.

Hoppla, da war aber jemand aggro.

Ich: Du hältst dich schon wieder nicht an das, was du versprichst. Das nervt.

Er: Ich diskutiere darüber nicht, dann lassen wir das und ich überweise dir so viel Geld, wie ich im Moment kann heute noch.

Ich: Das Geld ist vor Montag eh nicht auf dem Konto….

Er: Dann reden wir Montag!

Na, wer’s glaubt! Stattdessen meldete er sich am nächsten Tag wieder. Ich war überrascht! Um viertel nach 10 fragte er, ob ich zu Hause wäre. Nein, war ich nicht. Hat er auch bemerkt. Scheinbar ist ihm aufgefallen, dass mein Auto nicht da war. Hätte er meine Nachrichten richtig gelesen, hätte er gewusst, dass ich erst ab mittags zu Hause sein wollte. Tatsächlich haben wir uns allerdings nur um zehn Minuten verpasst. Egal! Ich wusste  nicht, ob ich enttäuscht oder erleichtert sein sollte, dass ich ihn nicht getroffen hatte.

Montags wollte ich abends nach der Arbeit noch mal beim Soldaten und seiner Ella anklingeln. Er hatte sich den ganzen Tag nicht gemeldet, ich ging nicht davon aus, dass wir uns abends zum Reden treffen würden. Eine Freundin begleitete mich zu seiner Wohnung. Ich war total nervös, mein Herz schlug mir bis zum Hals und das, obwohl ich normalerweise einen Ruhepuls von 55 habe. Wieder stand ich dort vor Haustür, wieder klingelte ich und wieder öffnete mir niemand. Wir saßen noch eine Weile im Auto und warteten. Doch nichts passierte. Allerdings fiel uns auf, dass man ein bisschen in den Garten reinluken konnte und da stand irgendwas quietschblaues. Etwas blaues, das fast so aussah, wie das Planschbecken in dem der Soldatensohn gespielt hatte, wovon er mir ein Video geschickt hatte. Nachdem wir eine Viertelstunde gewartet hatten schlug meine Freundin vor zurückzufahren und bei uns im Ort auf die Kirmes zu gehen. „Vielleicht sind die zwei ja auch auf der Kirmes“, sagte sie. „Immerhin kommt sie ja aus dem Stadtteil.“ Das wäre ja schon ein großer Zufall die beiden dort zu treffen. Wirklich Lust hatte ich nicht, aber ein wenig Ablenkung täte mir sicher gut.

Kaum waren wir auf dem Kirmesplatz, entdeckte meine Freundin schon ein paar Bekannte. Wir unterhielten uns, ich schaute mich um und schon sah ich: das Arschloch! Äh, Entschuldigung, den Soldaten! Er lief Richtung Pommesbude, drehte sich dabei aber um und rief dabei einer Frau etwas zu. Ich ging zu ihm, rempelte ihn an. Erschrocken sah er mich an: „Was machst du denn hier?“ „Ist das deine Freundin??“ „Nein!“ Natürlich erst mal alles abstreiten. Er hatte sich schnell wieder gefasst: „Komm mal mit, ich wollte mir gerade etwas zu essen holen. Hör mal zu, dein Geld bekommst du nächste Woche.“ So gefasst der Soldat auch klang, er war unheimlich blass geworden. „Ich war gerade bei eurer Wohnung“, sagte ich und der Soldat wurde noch blasser. „Was wolltest du da?“ „Och“, meinte ich ganz unschuldig. „Mit deiner Freundin reden.“ „Und was willst du ihr sagen?“ Wahnsinn, wie blass dieser Mann werden konnte. Absichtlich vulgär antwortete ich ihm: „Ich wollte ihr erzählen, dass wir gevögelt haben.“ „Stimmt doch gar nicht!“ Ich zog die linke Augenbraue hoch. (Beherrscht ihr die Kunst des Augenbrauen-Hochziehens? Ich habe als Teenager Stunden vor dem Spiegel geübt, bis ich in der Lage war die linke Augenbraue hochzuziehen. Je nach Situation lässt mich das noch anzüglicher oder noch spöttischer aussehen.)

Spöttisch zog ich die linke Augenbraue hoch: „Nicht?“

Da kam Ella zu uns. „Ella“, rief der Soldat. „Die will dir erzählen, dass wir gevögelt haben.“ Plötzlich ging alles drunter und drüber. Ella war verwirrt, der Soldat zog sie von mir weg, ich lief hinterher und wollte ihr noch einen Zettel mit meiner Telefonnummer geben. Doch der Soldat schob mich weg. „Du bist ja total verrückt“, schrie er mich an. „Geh mal zum Psychiater!“

Ich drehte mich um und ging zurück zu meiner Freundin.

19 Kommentare zu „Der Soldat – Kirmes

      1. Lehrer? Nein, ich bin nicht gerne in die Schule gegangen. Lehrer als Beruf heißt für mich: Lebenslänglich. Höchststrafe. Lebenslänglich in die Schule gehen… Mathe war mein Lieblingsfach. Da musste ich nicht diskutieren, ob 1+1Zwei ergibt oder doch vielleicht 2,7 oder 1,4 oder doch 27? In Deutsch mochte ich nur Grammatik und Rechtschreibung…
        LG Max

        Gefällt 2 Personen

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