Der Soldat – Kirmes II

„Krass, ist die hässlich“, das war, glaub ich, das Erste was ich sagte.

Ella, für den Fall, dass du dies hier irgendwann mal lesen solltest, möchte ich mich in aller Form entschuldigen. Ich habe dich nur kurz gesehen an diesem Tag und ehrlich gesagt, hatte ich eher Augen für den Soldaten und sein wunderbar blasses Gesicht. Mag sein, dass du vielleicht doch eine ganz Hübsche bist. Zumindest bist du nicht fett. Wahrscheinlich bist du sogar sehr nett und ein guter Charakter ist natürlich viel wichtiger als das Aussehen. Ganz sicher bist du sogar nett, immerhin hat der Soldat sich für dich entschieden und nicht für mich. Vielleicht hast du auch noch andere Vorzüge. Aber eines musst du zugeben: Du hast eine riesige Nase! (Soweit ich weiß hat die ganze Familie so eine Nase und die Schwester hat sich sogar operieren lassen.)

Wir bummelten noch ein wenig über die Kirmes. Ich war irgendwie euphorisch, auch wenn mir immer wieder Schimpfwörter entfuhren. Ganz zusammenhanglos, man konnte den Eindruck bekommen, dass ich unter Tourette litt. Sehr bald klingelte mein Handy. Der Soldat schrieb; im Fünf-Minuten-Takt  kamen die Nachrichten.

Er: Geht’s irgendwie noch?

Er: Damit hast du gerade eine Grenze überschritten. Jetzt werde ich aktiv.

Verdammt, damit konnte er meiner Euphorie einen Dämpfer verpassen. Mit seinen angeblich ach-so-guten Kontakten, mit denen er immer angegeben hatte, konnte er mir tatsächlich Angst einjagen.

Ich: Was willst du denn machen?

Er: Du kannst jetzt machen, was du willst. Meinetwegen auch ihr alles sagen, ist nur Pech, dass ich ihr das schon erklärt habe. Ich habe dir von Anfang an gesagt, dass ich nicht weiß, ob ich ne Beziehung will und das bei mir noch nicht alles gefühlsmäßig geklärt ist. Und jetzt das! Geht’s noch? Pass auf, du bekommst dein Geld und dann meld dich nie mehr bei mir, sonst werde ich meine Möglichkeiten ausspielen und die werden dir nicht schmecken.

Er: Ganz ehrlich, das ist echt das Letzte.

Er: Ernsthaft, ich hab da echt kein Bock drauf. Ich möchte, dass du dich aus meinem Leben raushältst. Du bekommst dein Geld und dann ist gut.

Er: Nicht drauf reagieren ist auch gut. Sag mir, wann ich vorbeikommen soll damit alles geklärt wird.

Richtig, damals im Park hatte er mir gesagt, dass er noch nicht wusste, ob er in seiner Situation mit der Krankheit wirklich eine Beziehung will. Allerdings hatte er mir verschwiegen, dass er schon längst eine Beziehung hatte. Und glaubte er ernsthaft, dass ich mich noch mal mit ihm treffen würde? Außerdem hatte er mir doch gerade geschrieben, dass ich mich nie mehr bei ihm melden sollte – also reagierte ich auch nicht.

Als ich zu Hause war, rief der Soldat mich an. Er wollte über alles mit mir reden. Er hatte den Freisprech-Modus eingestellt, damit Ella mithören konnte. Angeblich! Der Soldat redete und redete. Er habe schon mit seinem Anwalt gesprochen, sagte er. Der Anwalt habe ihm dazu geraten mich wegen Stalkings anzuzeigen. Stalking? Warum? Weil wir uns zufällig auf der Kirmes getroffen hatten? Das war ja lächerlich. Ich konnte doch nicht ahnen, dass die beiden auch auf der Kirmes sind. Immerhin wohnen sie nicht mal hier im Ort. Aber der Soldat redete und redete, ließ mich kaum zu Wort kommen. Irgendwann legte ich einfach auf. Mir war das zu doof.

Und überhaupt: Wie hatte er all das in der kurzen Zeit geschafft? Anderthalb Stunden waren zwischen dem „Showdown“ auf der Kirmes und unserem Telefonat vergangen. In dieser Zeit hatte er mir im Fünf-Minuten-Takt obige Nachrichten geschickt, seine Freundin beruhigt und mit seinem Anwalt telefoniert?!

Ich: Ich denke nicht, dass wir uns noch was zu sagen haben. Überweis mir das Geld und dann war‘s das.

Er: Gut.

Ich telefonierte noch mit einer Freundin, kotzte mich so richtig aus. Aber dann bekam ich das heulende Elend. Die ganze Euphorie war verflogen. Die Schadenfreude ging in meinem Selbstmitleid baden. Ich war fix und fertig mit den Nerven. Jetzt wusste ich wirklich woran ich war. Jetzt hatte die Andere ein Gesicht und einen Namen, sie war keine böse Ahnung mehr. Das tat weh! Es tat so schrecklich weh!

8 Kommentare zu „Der Soldat – Kirmes II

  1. Der überspannt den Bogen aber ganz schön… Spätestens das wäre der Punkt, wo Anwälte Geld verdienen sollten.
    Und mal ganz blöd gesagt: was ist das für ein Typ, der meint, eine Beziehung nur auf der Basis von Einschüchtern und bestimmen wollen definiert?

    Gefällt 1 Person

    1. Ich hatte überlegt einen Anwalt einzuschalten. Aber da stellt sich die Frage der Verhältnismäßigkeit: lohnt sich der finanzielle Aufwand um an mein Geld zu kommen oder wären schlussendlich die Anwaltskosten sogar höher?

      Gefällt 1 Person

      1. Ist dann wirklich eine schwierige Entscheidung, andererseits richten sich die Anwaltskosten ja auch nach dem „Streitwert“. – Kann’s aber nachvollziehen, daß Du darauf verzichtet hast. Hast Du doch, oder?

        Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.