Der Soldat – Das Puzzle fügt sich zusammen

Ich bekomme im Moment die unterschiedlichsten Reaktionen für mein Handeln. Die Einen verstehen nicht, warum ich so viel Energie in den Kerl investiere. Ich solle lieber mit der Geschichte abschließen. Andere raten mir, einen Anwalt zu nehmen. Und wiederum andere bestärken mich in meinem Verhalten. Ich bin der Meinung, dass ich den Kerl nicht ungeschoren davonkommen lassen kann. Wahrscheinlich wird er dann immer so weiter machen. Und mal ehrlich: könntet ihr es gut ertragen, zu wissen, dass er keine 10km entfernt glücklich mit seiner Freundin wohnt?! Womöglich läuft er mir noch mal irgendwann in der Stadt über den Weg. Oder auf der nächste Kirmes. Ich habe keinen Anwalt eingeschaltet, weil der mir vermutlich auch nicht mehr helfen könnte, außer mir zu dem zu raten, was ich sowieso schon getan habe. Die zivil-rechtlichen Mittel sind ausgeschöpft (falls ein Anwalt oder sonst jemand vom Fach mitliest, darf er gerne seinen Senf dazugeben, falls ich mich irre. Natürlich dürft ihr auch kommentieren, wenn ich mich nicht irre :D).

Nach dem Telefonat mit dem Doch-nicht-Pflegevater des Soldaten/Betrügers/Hochstaplers fuhr ich zur Polizei um ihn anzuzeigen. Ein junger Polizeibeamter führte mich in sein Büro. Also, jung ist relativ. Ich würde ihn so auf mein Alter schätzen. Der Einfachheit halber nennen wir diesen Polizeibeamten mal Herr Jung. Ich erzählte ihm grob meine Geschichte, als sein Kollege hereinkam (deutlich älter als ich; nennen wir ihn mal Herr Alt). Herr Jung übergab den Fall an seinen Kollegen, da er noch irgendwas zu Ende schreiben wollte. „Na, dann wollen wir mal eben die Anzeige aufnehmen“, sagte Herr Alt und Herr Jung grinste: „Ich glaube, die  Geschichte dauert etwas länger. Mal eben ist nicht.“ Ich erzählte meine Geschichte noch mal und erwähnte auch den Doktortitel, den der Soldat im Internet benutzte. Herr Alt googelte den Namen direkt. Während ich ihm die passenden Einträge zeigte, schien Herr Jung im Strafregister (oder wie sowas auch immer heißt) zu suchen. „Krass, der hat ja schon mal gesessen!“, entfuhr es ihm. Ich war baff: „Echt? Warum?“ Zu schade, dass durfte ich nicht wissen. Aber ich hatte den Eindruck, dass die beiden Beamten einen Heidenspaß hatten, meine ganze Geschichte auseinander zu nehmen und die Vorstrafen (?!) des Soldaten durchzusehen.

Die beiden Polizisten machten mir Mut. Mit seiner Vorgeschichte würde der Soldat höchstwahrscheinlich hart bestraft werden. Außerdem sei ich ja glimpflich davon gekommen – andere Leute würden hätten bei solchen Geschichten schon Haus und Hof verloren. Herr Jung grinste mich an: „Ich war übrigens auch bei der Bundeswehr, und ich war auch bei der Luftwaffe. Ich war da aber wirklich.“

Als ich die Adresse des Soldaten angeben musste, war Herr Alt überrascht. „Das ist ja direkt bei mir um die Ecke“, sagte er. Das Thema ließ ihn nicht mehr los. „Wenn man in die Straße reinfährt, ist das doch auf der linken Seite, oder?“ Ich verneinte: „Auf der rechten Seite.“ Herr Alt überlegte kurz. „Genau, ein Mehrparteienhaus, richtig?“ Immer wieder fing er damit an. „Wahnsinn, ich geh da regelmäßig spazieren. Vielleicht habe ich den ja sogar schon mal gesehen…“ Ich fragte: „Wollen Sie mal ein Foto sehen? Vielleicht kennen Sie ihn ja.“ Ich zeigte ihm ein Foto auf meinem Smartphone und tatsächlich: der Polizeibeamte kannte den Soldaten vom Sehen. Ach, die Welt ist klein!

Zuletzt unterschrieb ich die Anzeige und fuhr nach Hause. So ganz ließ mich das Thema aber nicht los. Ein letztes Steinchen im Puzzle wollte ich noch geklärt haben: So hatte mir der Soldat ja erzählt, dass er Firmenanteile besäße an einer Firma für Eventmanagement. Von dieser Firma hatte er mir die Homepage gezeigt (warum hätte ich das dann anzweifeln sollen?). Ich rief dort in der Firma an, fragte nach dem Chef. Er kannte ebenfalls den Soldaten, so wie der Doch-nicht-Pflegevater. Der Soldat hatte in jener Firma tatsächlich gearbeitet. Als Tellerwäscher. In der Spülküche. Während seiner Haftzeit in der benachbarten Justizvollzugsanstalt. Zwei bis drei Jahre sei das her, erklärte mir der Eventmanager. Genaueres wusste er nicht.

So fügen sich jetzt nach und nach alle Puzzle-Teile zusammen. Mir tut der Sohn des Soldaten Leid. Ebenso seine aktuelle Freundin. Ich bezweifle, dass sie die volle Wahrheit kennt. Ich habe versucht ihre Handynummer herauszufinden, aber das ist mir bisher nicht gelungen. Auf Festnetz mag ich dort nicht anrufen. Wahrscheinlich würde sie mir sowieso nicht glauben. Auf der Kirmes wollte sie ja auch nicht mit mir sprechen.

Wisst ihr wie das weitere Procedere nach so einer Anzeige ist? Zunächst einmal wird der Beschuldigte zur Befragung vorgeladen. Diese Vorladung hatte der Soldat schon am Freitag, also gestern, in der Post. Mittags bekam ich eine Whatsappnachricht von ihm. Mir zitterten die Hände, als ich sie las.

Er: Ist das jetzt deine Rache an mich?

An mir heißt das, Schätzelein, an mir. Und nein, es ist nicht die Rache, sondern schlichtweg die logische Konsequenz aus seinem Handeln. Ich antwortete jedoch nicht auf seine Nachricht.

Jetzt heißt es: abwarten.

26 Kommentare zu „Der Soldat – Das Puzzle fügt sich zusammen

    1. Auf die Idee bin ich noch gar nicht gekommen… Ich kann es mir auch nicht wirklich vorstellen. Ganz schön viel Aufwand für verhältnismäßig wenig Geld. Und dafür ließe sie ihren freund fremdgehen? Ein Dreivierteljahr? Andererseits: wer weiß wie viele frauen er gleichzeitig bescheißt…

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    1. Richtig. Das irritiert mich total. Entweder ist er sich seines handelns wirklich nicht bewusst, allerdings war er ja schon mal im Gefängnis, deswegen kann ich mir das nicht vorstellen. Oder er ist sich seiner Sache so sicher, weil er noch irgendwie einen Trumpf in der Hinterhand hat 😐

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  1. Ich denke auch, daß er oder seine Freundin Dich „kennen“ müssen, also in irgendeiner Form ausgekundschaftet haben… Und Du bist wahrscheinlich die Erste, die den Gegenangriff jetzt komplett durchzieht. Chaka!

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  2. Ich könnte mir vorstellen, dass der Kerl eine narzisstische Persönlichkeitsstörung hat und überhaupt nicht einsieht, dass er irgend etwas falsch gemacht hat, weil er es für sein „Recht“ hält, sich an anderen zu bereichen und sie zu belügen… Zitat aus
    https://de.wikipedia.org/wiki/Narzisstische_Pers%C3%B6nlichkeitsst%C3%B6rung#Die_Symptome_im_Einzelnen :
    „Viele Narzissten verüben emotionalen Missbrauch an Personen in ihrem engsten Umfeld, besonders an ihren Sexualpartnern und Kindern. Beschrieben hat dieses Phänomen erstmals Sándor Ferenczi,[40] später folgten ihm Karen Horney, Alice Miller und Heinz Kohut.[41] Im Mittelpunkt dieses Missbrauchs steht die „narzisstische Versorgung“ (engl. narcissistic supply, narcissistic feed), ein Terminus, den Otto Fenichel bereits 1938 geprägt hatte, um die Bewunderung und Unterstützung zu bezeichnen, von der Narzissten emotional zehren und die sie von ihrer Umgebung einholen.[42] Die Opfer, die diese Versorgung sicherstellen sollen, werden kühl nach ihrer vermuteten Tauglichkeit ausgewählt, umworben und gepflegt, bis sie narzisstische Versorgung zu liefern beginnen, manipuliert, damit sie die Versorgung aufrechterhalten, und fallengelassen, sobald sie die Versorgung einstellen.“
    Narzissten seien, so habe ich mal gelesen, seien quasi untherapierbar (weiß nicht, ob das stimmt), aber eine solche Persönlichkeitsstörung ändert nichts daran, dass er für seine Taten vollverantwortlich ist.

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  3. Hallo,
    in Marathonbestzeit bin ich in 3:15 Uhr ans Ende Deiner Geschichte gekommen… Ich bin sprachlos, müde (hier in NZ ist es Viertel zwei) und habe so viele Fragen: wie ist denn der aktuelle Stand der Dinge? Hast du dein Geld? Hast du Arsch noch mal gesehen? Weiß die Ella davon mittlerweile? Hat dir das Schreiben gut geholfen, damit abzuschließen? Und, bist du glücklich (ich hab die anderen Beiträge gesehen, aber lesen schaffe ich heute nicht mehr…)

    Wenn ich es für mich zusammenfasse: in die Scheißegrube gefallen und mit viel Energie und Unterstützung von Freunden wieder rausgeklettert… bleib draußen 😉
    LG

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