Begegnungen

Es gibt Menschen, die möchte man nur ungern treffen. Egal ob zum Kaffee oder beim Einkaufen. Wenn ich mir vorstelle, ich könnte dem Soldaten über den Weg laufen…

Der Orthopäde hat auch so eine Person, der er nicht begegnen will. Nämlich die andere, quasi meine Vorgängerin. Ganz unwahrscheinlich ist so ein Zusammentreffen nicht. Sie wohnt nämlich im gleichen Ort wie ich. Er befürchtete sogar, dass ich sie kennen könne. „Läuft sie? Reitet sie? Nein? Dann kenne ich sie nicht. Außer vielleicht, falls ich sie mal behandelt habe.“ Er deutete noch an, was sie beruflich macht, aber ich war mir sicher, dass ich da niemanden kenne. Dachte ich.

Bis wir vor ein paar Tagen hier im Ort unterwegs waren. Uns kam ein Radfahrer entgegen, den ich flüchtig kannte. Ein Mann, den man als lokale Prominenz bezeichnen könnte. Politisch aktiv, Geschäftsmann und ständig präsent bei öffentlichen Veranstaltungen. Ich hatte ein paar Mal mit ihm zu tun, da ich zum Orga-Team des örtlichen Triathlons gehöre und wir hatten uns Unterstützung von diesem Mann erhofft.

Dieser Lokalpolitiker fuhr mit dem Rad an uns vorbei und grüßte breit grinsend…. Nicht mich, sondern den Orthopäden. Okay, das musste dieser mir erklären. „Ja, ich kenne ihn. Und auch die Freunde von ihm, die ganze Clique…“ Und da fiel bei mir der Groschen. Die andere war Julia. Noch so eine örtliche Prominenz, immer vor Ort, wenn was los war. Nicht, dass ich sie wirklich kannte, nur flüchtig vom sehen. Sehr viel besser kannte ich ihre Eltern und Großeltern. Ich bin jahrelang dort ein- und ausgegangen, habe sowohl ihre Oma wie ihren Opa behandelt (Krankengymnastik mit Hausbesuch), bis schließlich beide verstorben sind. Dadurch hatte ich auch viel mit Julias Mutter zu tun und bin auch ihr selbst ein paar Mal begegnet. Uff, das war jetzt echt ein Schock für mich.

Es war komisch, dass sie plötzlich ein Gesicht und einen Namen hatte. Dass ich ihre Familie und Freunde kannte, wenn auch nur flüchtig. Doch viel schlimmer fand ich die Reaktion des Orthopäden. Er kämpfte mit den Tränen, als er mir die ganze Geschichte erzählte: Als er mit ihr „angebandelt“ hatte, ging alles ganz schnell. Bereits nach zwei Wochen hatte sie ihn ihren Eltern vorgestellt und er hatte ihre gesamte Clique kennengelernt. Und ein paar Wochen später erklärte sie ihm, dass es doch nicht passte.

„Sowas macht man doch nicht, wenn man es nicht ernst meint,“ murmelte er. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Mittlerweile waren wir in meiner Wohnung angekommen und saßen auf meinem Sofa. Ich saß schweigend neben ihm, während er erzählte. Er erklärte mir, dass da keine Gefühle für sie waren, dass dennoch die alte Enttäuschung wieder hochkam, denn wer stellte den Partner seinen Eltern vor, wenn man sich nicht sicher war, dass es was Ernstes werden könnte?!

Es traf mich, ihn so niedergeschlagen zu sehen. Es traf mich, dass ihn die alte Geschichte noch so traf. Andererseits: ich hatte seine Eltern bereits kennengelernt, sie nicht.

Es ist schon ein paar Wochen her, als wir spät abends im Bett lagen. Das Licht war aus und wir unterhielten uns. Es war ein sehr intensives Gespräch. Ich erzählte ihm die Geschichte mit dem falschen Soldaten und mit allen schmutzigen Details. Es ging um Vertrauen und Vertrauensmissbrauch. Wir kamen zu dem Schluss, dass es Zeit brauche, Vertrauen aufzubauen und dass wir uns die Zeit nehmen würden.

Am nächsten Tag waren wir shoppen (war seine Idee!). Auf dem Rückweg vom Outletcenter hingen wir beide ziemlich durch. Ich seufzte, dass ich dringend einen Kaffee bräuchte. Er reagierte zögernd, ich konnte quasi hören, wie es in seinem Kopf arbeitete. „Was überlegst du?“, fragte ich ihn. Nach kurzem Zögern antwortete er: „Sollen wir uns bei meinen Eltern zum Kaffee einladen?“ Das kam überraschend, vor allem nach dem nächtlichen Gespräch. Außerdem waren wir gerade mal vier Wochen zusammen, das ging schon ganz schön schnell. Trotzdem fühlte es sich richtig an.

Aus dem Kaffeetrinken wurde jedoch nichts, stattdessen luden seine Eltern uns zum Abendessen ein. Ich muss gestehen, dass ich echt nervös war. Das war natürlich total unnötig. Sie begrüßten mich mit Handschlag, stellten sich kurz vor. Dann ging es in den Garten, wo wir grillen wollten. Während der Orthopäde nüchtern blieb – schließlich musste er mich/uns noch nach Hause bringen – gönnten seine Mutter und ich uns einen Prosecco. Wir unterhielten uns über die Arbeit und über Sport. Ich war überrascht, wie viel sie bereits über mich wussten. Zum Beispiel wussten sie von der Challenge Somi und dass ich deswegen meinen privaten Marathon gelaufen war. Scheinbar hatte der Orthopäde zu Hause sehr viel über mich erzählt. Irgendwann erwähnte ich nebenbei die Reiterei. Sein Vater war begeistert: „Du reitest? Das ist ja toll!“ Ach, das hatte der Orthopäde nicht erzählt?! Seine Mutter fand das auch ganz toll, denn die Schwester des Orthopäden hatte ein eigenes Pferd und auch die Freundin des Bruders ritt. „Ist das schön, dann habt ihr immer was zu reden.“

Ich glaube, ich bin akzeptiert 🙂

22 Kommentare zu „Begegnungen

  1. Meine Güte, auch wenn ich sonst nur eine „stille Leserin“ bin, so muss ich dir heute unbedingt sagen, wie riesig mich diese Liebe für dich freut und ich immer gewusst habe, dass ich eines Tages „sowas“ von dir lesen werde 😊🍀☀️
    LG
    G.

    Gefällt 4 Personen

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