Der Orthopäde – Missverständnis/Mimose

Nach unserem Treffen im Park wurde der Orthopäde kommunikativer. Er meldete sich häufiger und schneller über Whatsapp und erkundigte sich nach meinem Trainingsplan. Er würde gerne mal mitlaufen, schrieb er. Daraus entwickelte sich eine kleine, fachliche Diskussion, da er schon seit einiger Zeit über Schienbeinschmerzen klagte. (Schienbeinkantensyndrom, falls es wem was sagt. Sehr schmerzhaft, sehr langwierig.) Im Idealfall sollte man so lange das Training pausieren, bis man schmerzfrei ist. Aber Sportler sind alle unbelehrbar und sportliche Ärzte machen da scheinbar keine Ausnahme. Er wollte mit mir laufen. Allerding befinde ich mich gerade mitten in der Marathon-Vorbereitung für die Challenge Roth, welche nicht stattfindet. Daher laufe ich aktuell Distanzen, die normale Menschen nur mit dem Auto zurücklegen. Ich bot dem Orthopäden an, meine nächste 20km-Einheit so zu legen, dass er nach der Hälfte aussteigen konnte. Die Idee fand er gut, er überlegte noch kurz, dass er ggf. doch die ganze Strecke mit mir laufen könnte, aber seinen Beinen zu Liebe wollte er dann doch „nur“ 10km laufen.

„Untrainiert sind 20km aber auch echt unvernünftig“, war meine Antwort, worauf er sehr pissig reagierte: „Untrainiert. Das hat gesessen… jetzt bist du mich los…“. Und das meinte er ernst! Ich saß total irritiert vor meinem Handy und fragte nach, wie er das meinte. „Ich möchte ja der Superathletin mit atemberaubendem 6:30er Tempo als „Untrainierter“ nicht im Wege stehen…“ Jungejunge, was eine Mimose. Da war ich auch angefressen, denn der Spruch war echt fies. Mir juckte es in den Fingern eine zickige Retourkutsche zu verfassen, ließ es aber bleiben und reagierte sachlich: „Hey, das war nicht böse gemeint. Aber wann bist du das letzte Mal 20km gelaufen? Schneller als ich bist du auf jeden Fall, aber wer langsam läuft ist auch länger unterwegs und hat mehr Belastung auf den Beinen (…) Untrainiert bezog sich nur auf deine schmerzenden Knochen.“

 

Nach einem kleinen Schlagabtausch schlossen wir Frieden und ich versprach für den nächsten Tag und unser „Running Date“ meine Zähne zu rasieren. Manchmal stören die Haare dort einfach. Wir trafen uns nachmittags am See. Der Orthopäde war schon dort als ich auf den Parkplatz gefahren kam, obwohl ich deutlich zu früh dran war. Wir begrüßten uns mit einer Umarmung (aus 1,50m Abstand versteht sich) und liefen los. Ich hatte die Runde so gewählt, dass wir nach 10km wieder am Auto waren. Diese 10km verflogen wie im Flug mit Gesprächen über unsere Arbeit, über den Sport, über mich, über ihn. Ein paar Neckereien konnte ich mir dann aber doch nicht verkneifen, dass es bei ihm gut liefe, obwohl er so untrainiert sei. Mit Augenzwinkern natürlich. Worauf er lossprintete um zu beweisen, dass er deutlich schneller war als ich. Natürlich. Seine Bestzeit auf 10km lag deutlich unter 40min. Und meine? Knapp über 50min. Egal. Unser Lauftempo passte gut zusammen, bzw. er konnte sich sehr gut anpassen.

 

Nach unterhaltsamen 10km kamen wir wieder am See an, doch der Orthopäde hatte noch nicht genug. Also schlug ich vor, dass wir noch um den See herum laufen konnten. Damit hätten wir noch weitere 4km zusammen. Und so erweiterten wir unsere Runde; nur die letzten 6km musste ich allein laufen.

 

Mittlerweile sind wir schon häufiger zusammen gelaufen und mittlerweile ist er gut trainiert und schafft auch 20km. Allerdings nicht schmerzfrei. Ich weiß nicht, ob ich es unvernünftig finden soll oder rührend, dass er die Schmerzen in Kauf nimmt, um mit mir zu trainieren.

11 Kommentare zu „Der Orthopäde – Missverständnis/Mimose

  1. Als Sportler, der natürlich auch das Kantensyndrom kennt, würde ich ihm sagen: Er soll seinen falschen Ehrgeiz lieber zuhause lassen und noch eine Weile die Füße hochhalten und immer fleißig mit dem Eisbeutel kühlen… Euere Treffen könnt ihr dann lieber erstmal mit gemeinsam Eis essen ausgleichen. 🙂
    Bringt ja nichts, wenn die Knochen in 2 Monaten Schrott sind und ihr dann das restliche Jahr nicht mehr zusammen Laufen könnt… So würde ich es wohl machen 🙋🏻‍♂️

    Aber letztlich ist auch wieder jeder für sich selbst verantwortlich…

    Liken

    1. Tjaaa, was soll ich da sagen?! Natürlich hast du recht. Zumal er vom Fach ist! Er kühlt, er klebt sich Kinesio-Tapes, nur Pause macht er nicht. Ich würde ihn ja behandeln, Periostmassage soll effektiv sein. Allerdings auch sehr schmerzhaft. Deswegen vertraut er noch mehr auf die Eisbeutel

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      1. „Männer“ 😂 Aber ich kenne auch einige Ärzte die viel Sport machen und ihren Körper eher Schaden als Gutes tun.

        Kann muss man ihm wirklich einfach machen lassen. Irgendwann sieht er es vielleicht ein und legt selbst eine Pause ein. Vielleicht kann er dich ja auch mal mit Fahrrad begleiten, jetzt wo deine Läufe immer länger werden!?

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      1. Ürgs…Das hatte ich damals zu Fußball Zeiten. War echt fies und langwierig. Teilweise tat mir schon normale Bewegung, z.B Treppensteigen weh… Hab dann komplett pausiert und Physiotherapie bekommen. Hatte zum Glück einen kompetenten Sport Mediziner.

        Vor kurzem dann leider einen Muskelfaser Riss im Abduktoren/Adduktoren Bereich gehabt 😩
        Also auch erst mal keine Belastung. Lockeres Joggen ging aber und inzwischen ist’s verheilt & Kraftsport geht zum Glück wieder 😍

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