Blöder Sturkopf

Irgendwie hatte ich es im Gefühl, dass es im Urlaub zwischen uns knallen würde. Mein Knuffelcontact kann unheimlich empfindlich sein, wenn es mal nicht so läuft, wie er es geplant hat. Erst Recht, wenn er für den Fehler verantwortlich ist. Und ich habe einen ziemlichen Dickschädel, typisch westfälisch. Ich kann wunderbar auf Durchzug schalten. Wenn wir streiten, sind das immer absolut lächerliche Auslöser. Es sind Kleinigkeiten, die der andere in den falschen Hals bekommt, woran wir uns hochschaukeln.

So auch auf unserer ersten Tour im Urlaub. Dabei hatte alles so schön begonnen.  Am Anreisetag konnten wir leider erst nachmittags im Hotel einchecken. Die Fahrt hatte länger gedauert als geplant. Bis wir dann das Auto ausgeladen, die Koffer ausgepackt und die Rennräder montiert hatten, war es schon zu spät um den Wellnessbereich im Hotel zu nutzen. Nach einer kurzen Verschnaufpause machten wir uns für das Abendessen bereit. Das Fünf-Gänge-Menü war sehr gut 🙂 Nach dem Essen gingen wir direkt aufs Zimmer. So eine lange Autofahrt macht doch ganz schön müde. Aber statt schlafen zu gehen, schlug mein Knuffelcontact vor ein Bad zu nehmen. Denn unser Badezimmer verfügte über eine Badewanne und da der Wellnessbereich schon geschlossen hatte… Es war herrlich entspannend.

Auch der nächste Tag begann entspannt. Nach einem ausgiebigen Frühstück machten wir uns startklar für die erste Rennradtour. Die Tour war von einem Radsportmagazin empfohlen worden. „Locker zum Einrollen“, hieß es. 50km mit 900 Höhenmetern, oder so. Da die Tour aber nicht direkt vor unserer Haustür bzw. vor dem Hotel startete, würden wir ein paar Kilometer mehr fahren müssen. Geplant war, dass unser Fahrradcomputer uns bis zum Startpunkt der Tour navigieren würde. Soweit, so gut.

Los ging es mit einer rasanten Abfahrt. Meine Nerven lagen schon blank, das war mir zu schnell, ich war noch nicht eingefahren. Mein Knuffelcontact war nicht mehr zu sehen und ich hing in den Bremsen. Okay, er wartete unten im Dorf und an der nächsten Kreuzung auf mich. Zeit, um meine Nerven zu beruhigen blieb mir nicht. Es ging um die nächste Kurve in eine Seitenstraße und ich erblickte eine Wand. Tatsächlich war es eine Straße, aber so steil, dass ich nicht wusste, wie man dort mit dem Fahrrad hochkommen sollte. Mir blieb aber keine Zeit mich zu beschweren oder gar darüber nachzudenken, die Kraft brauchte ich für meine Beine. Ich bin tatsächlich hochgekommen, der Fahrradcomputer zeigte 15% Steigung an!

Wo es bergauf geht, geht es auch bergab. Kurze Zeit zum Verschnaufen! Doch nach der nächsten Kurve „stand“ ich gefühlt vor der nächsten Wand. Wieder bergauf, wieder geschafft. Die Oberschenkel brannten und ich war stolz wie Bolle. Doch oben angekommen, fluchte mein Knuffelcontact: „Mist, wir sind hier falsch. Wieder runter.“ Unten angekommen, fluchte er mit Blick aufs Navi schon wieder: „War doch richtig, das Ding spinnt. Wir müssen wieder rauf.“ Er hatte es geschafft, ich war genervt. Verdammte Technik. Das hin und her hatte mich mürbe gemacht. Aus dem Stand noch mal die 15%-Rampe zu fahren, würde ich nicht schaffen. Ich schaltete auf stur und wurde zickig: „Klar, und wenn wir dann oben sind ist es doch wieder falsch, oder wie? Ich fahre da nicht noch mal hoch.“

„Doch, wir müssen da hoch“, hörte ich nur noch und weg war mein Knuffelcontact. Ich blieb bockig stehen und wartete, dass er zurückkam. Tat er aber nicht – zumindest nicht direkt. Nach fünf oder zehn Minuten stand er wieder neben mir. „Kommst du jetzt mit oder was?“ Ich seufzte und quälte mich die Rampe hoch.

Wir waren kaum 3km gefahren, da stoppte der Knuffelcontact schon wieder um die Route auf dem Fahrradcomputer und auf dem Handy abzugleichen. Da passte was nicht. Von dem Stop and go war ich total genervt. „Können wir nicht einfach nach Schildern fahren?“, fragte ich. „Fahr doch nach Schildern, wenn du alles besser weißt“, fuhr er mich an und brauste davon. Ich versuchte noch hinterher zu kommen, war aber natürlich chancenlos. Schnell hatte ich ihn aus den Augen verloren und an der nächsten Kreuzung stoppte ich. Ich versuchte ihn anzurufen, er ging nicht an sein Handy. Ich schrieb ihm, wo ich war – keine Reaktion. Ich schrieb ihm nochmals, dass ich noch fünf Minuten warten und dann zurück zum Hotel fahren würde – da kam der Rückruf: „Wo bist du?“

Nach weiteren fünf Minuten – sie kamen mir wie eine Ewigkeit vor – hatte er mich wieder eingesammelt. Wortlos drehte er sich um und fuhr seine Strecke weiter. Ich beeilte mich hinterher zu kommen. Na super. Eisiges Schweigen. Ich war kurz davor ihm mitzuteilen doch wieder zurückzufahren, als mit einfiel, dass er ja den Hotelzimmerschlüssel hatte. Just in dem Moment griff er in seine Trikottasche, stoppte sein Rad und gab mir den Schlüssel. „Da, fahr zurück.“ Ich verstaute den Schlüssel: „Gut und morgen fahren wir nach Hause.“ – „Das tun wir sowieso.“ Und er fuhr davon.

Ich blieb ratlos stehen. Sollte ich wirklich zum Hotel fahren? Das wollte ich nun wirklich nicht. Ihm hinterher fahren sicherlich auch nicht, dazu war ich zu stolz. Mal abgesehen davon, dass ich ihn eh nicht hätte einholen können. Während ich noch leer vor mich her starrte, wendete er sein Rennrad und kam zurück. „War’s das jetzt oder kommst du noch mit?“ Also fuhr ich mit, peinlich drauf bedacht an seinem Hinterrad zu bleiben. Selbst wenn er langsamer fuhr, blieb ich hinter ihm. Stur? Kann ich! Er aber genauso. Wenn er sich umschaute, dann immer nur, um den Verkehr hinter uns zu beobachten; mich schien er nicht zu beachten.

Den ersten Wortwechsel hatten wir nach dem Hauptanstieg oben auf dem Gipfel. Das Wetter war übrigens suboptimal. Die Wolken hingen so tief, dass wir durch die Nebelsuppe fahren mussten. Es war kalt, es war nass. Oben angekommen wies er mich darauf hin, dass ich meine Weste überziehen solle, die Abfahrt würde kalt werden. Ich war dankbar für den Tipp, denn bei über 50km/h wurde der Fahrtwind eisig. Auch wenn wir mittlerweile wieder miteinander sprachen, blieben wir distanziert. Auch zurück im Hotel und nach dem Duschen wurde es nicht besser. Weil ich nach dem Sport immer extrem zentralisiere (das Blut weicht aus den Extremitäten und mir wird saumäßig kalt. Muss ich noch ärztlich abklären lassen), freute ich mich auf die Sauna. Mein Knuffelcontact lag jedoch im Bett und vorm TV. Ich fragte ihn: „Ich geh in die Sauna, kommst du mit?“ Er antwortete eher zögerlich: „Ich möchte lieber Radrennen gucken.“ – „Ich fänd es aber schön, wenn du mitkämest.“  Er kam tatsächlich mit, wirkte aber etwas zwiegespalten auf mich: widerwillig, weil er nicht mit der Situation umzugehen wusste; dankbar, dass ich ihm ein kleines Friedensangebot gemacht hatte.

In der Sauna bei 70° schmolz dann auch das restliche Eis zwischen uns. Während wir schwitzten analysierte er unsere Tour, berichtete wie viele Höhenmeter wir absolviert hatten, wie lang der Anstieg gewesen war und so weiter. 

Bevor wir zum Abendessen gingen, nahm er mich in den Arm: „Entschuldige, dass ich heute früh so doof war.“

Alles wieder gut.

14 Kommentare zu „Blöder Sturkopf

  1. https://www.spiegel.de/panorama/edewecht-in-niedersachsen-navi-lotst-auto-im-kuestenkanal-a-1252611.html

    :):):) Soll ja mal vorkommen.

    So nach Urlaub liest sich das nicht so richtig. Und wenn ich „geplante Urlaubstouren“ lesen, muss ich schon grinsen.

    Aber tröste Dich: Solche Kabbeleien kommen doch immer vor. Und meine Frau hätte mir eine Acht in die Speichen getreten. 😉 🙂 🙂
    Wichtig ist, dass man abends wieder gut ist.

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  2. Ätzend sowas, einfach grundsätzlich, ohne Schuldzuweisung. Es müssen aber auch nicht alle Tätigkeiten gemeinsam unternommen werden, das Recht auf Eigenständigkeit bleibt. Aber das muss gelernt werden.
    Aber wirklich, das sind noch keine relevanten existentiellen Themen, bei denen Zukunftsentscheidungen zwischen Pest und Cholera anstehen. Lass die mal kommen….

    Gefällt 1 Person

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