Der Orthopäde – Du musst mir noch was erklären

Der Tag danach. Eigentlich wollten wir zum See und dort spazieren gehen, aber wegen des guten Wetters war es dort viel zu voll. Das hatte ich schon früh genug gesehen, als ich dort in der Gegend mit dem Pferd unterwegs war. Wir entschieden uns stattdessen im Nachbarort was essen zu gehen. Nichts besonderes, nur zwei Menschen, die sich gut unterhielten und was aßen.

Danach fuhren wir zurück zu mir, kuschelten uns auf meine Couch und schauten einen Film. Kuschelten und knutschten, knutschten und kuschelten. Relativ harmlos. Und wir redeten, vor allem als der Film zu Ende war. Er machte mir viele Komplimente, sagte mir, wie schön es bei mir und mit mir sei, wie gut ich küsste. Aber ich blieb skeptisch. Schließlich brannte mir noch eine Frage auf der Seele: „Du musst mir noch was erklären: Wie kommt es zu dieser 180°-Wendung? Vor ein paar Tagen noch warst du das heulende Elend und jetzt sitzt du hier mit mir knutschend auf dem Sofa. Was ist passiert?“

Er wich mir nicht aus, er schaute mich nur an und erklärte mir, dass er unsicher gewesen sei: „Ich hatte das Gefühl, dass du in mir nur einen Trainingspartner gesehen hast und kein Interesse an mehr hattest. Erst als ich unser Kino-Date abgesagt hatte und du schriebst, dass du das schade findest, wurde mir bewusst, dass es anders sein könnte. Da habe ich mich schon gefragt, ob das die richtige Entscheidung war.“ Letztlich wollte er sich dann aber doch auf nur eine Frau konzentrieren und das war die andere. Und die ist genauso zweigleisig gefahren wie er. Als er das herausbekommen hatte, war er total enttäuscht gewesen. Der „Liebeskummer“ an sich war gar nicht das Problem, sondern die Enttäuschung durch den Menschen und dass er das Gefühl hatte, bestraft worden zu sein, für das, was er mir angetan hatte. Wobei ich das gar nicht so schlimm empfunden hatte. Er war ehrlich und fair gewesen. Zumindest hatte ihn diese Enttäuschung in Kombination mit seiner Sportverletzung ziemlich runtergezogen. Auch auf der Arbeit lief es nicht so wie geplant und all das führte zu einer kleinen Depression. Dass ich mich trotz allem immer wieder bei ihm gemeldet hatte, hatte ihn sehr beeindruckt. „Und ich habe mir immer wieder gesagt, wie bescheuert ich doch eigentlich bin. Habe schon fast den Respekt vor mir selbst verloren“, murmelte ich. „Nein“, sagte er. „Das fand ich stark. Nach dem du mir vorige Tage den Kopf so gewaschen hast, habe ich mir unseren kompletten Chatverlauf durchgelesen… mein Gott war ich ein Holzkopf. Da wären so viele Date-Möglichkeiten gewesen und ich habe sie alle verbockt.“

 

Ich glaube, dass der Mann sehr sensibel ist und sehr selbstkritisch. Ich habe selten jemanden erlebt, der so offen über seine Gefühle spricht und Fehler eingesteht. Ich denke, dass wir darauf aufbauen können.

Und wo wir schon bei so viel Ehrlichkeit waren, erzählte ich ihm die Geschichte vom Banker. Immerhin stehen wir nachwievor täglich in Kontakt. Wir hatten sogar schon ein Datum festgelegt, wann ich zum Gegenbesuch zu ihm fahren würde (kommendes Wochenende nämlich). „Ich denke, dass ich den Besuch absagen werde“, schloss ich meine Erzählung. Der Orthopäde lächelte mich an: „Ich kann und will dir das Treffen nicht verbieten. Aber ich würde mich freuen, wenn du nicht fährst.“

5 Kommentare zu „Der Orthopäde – Du musst mir noch was erklären

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