Der Orthopäde – Das ging jetzt schnell

Er sagte das Date nicht ab. Stattdessen meldete er sich von sich aus. Er fragte, wie mein Tag war, erzählte von seinem Tag und bat mich zum Schluss sogar um Hilfe. Seine Schienbeine taten immer noch weh; ob ich ihn wohl behandeln würde?

„Klar, kann ich machen. Aber dann stehst du noch tiefer in meiner Schuld.“ – „Das heißt? Mit Kinobesuch wäre das nicht mehr abzugelten?!“ – „Nach gefühlt 150 Körben? Nö.“

(Okay, vielleicht bin ich doch nicht mehr so schüchtern, wie ich es mal war.)

Am Tag unseres Dates hatte ich morgens einen langen Trainingslauf. Einen richtig langen Trainingslauf. Es sollten 35km werden, daher war ich etwas am zweifeln, ob ein anschließender Spaziergang eine gute Idee war. „Wir machen dann später einen kürzeren Spaziergang und essen dafür mehr Eis 😉 Oder wir essen nur Eis und ich trag dich“, schrieb der Orthopäde. (Achtung! Bitte merken! Das Tragen wird noch wichtig werden.) Für mein Empfinden war er recht „flirty“ unterwegs, zumal er mich die Wochen kaum beachtet hat. Das verunsicherte mich. Als wenn man einen Schalter umgelegt hätte von „Mir geht’s total schlecht“ auf „Yippieyeah“. War das möglich?

 

Der Orthopäde bestand darauf mich abzuholen. Am späten Nachmittag stand er vor meiner Tür. Wir begrüßten uns mit einer Umarmung und fuhren zur Eisdiele. Irgendwie war es seltsam nach den vergangenen Wochen. Aber auch vertraut. Ich kann es gar nicht beschreiben. Wir unterhielten und über dies und das: über seine Arbeit und wie Corona alles erschwerte; über meine Arbeit und dass ich wohl grundsätzlich eher eine fiese Therapeutin bin; über den Sport; Smalltalk halt. Zwischendurch immer wieder Neckereien: er zog mich auf, dass ich läuferisch wohl eher eine Schnecke bin, ich konterte, dass er zwar schneller war, dafür aber ein Krüppel mit seinen schmerzenden Schienbeinen und so weiter. Wir lachten viel. Schließlich bezahlte er unser Eis. Mindestens das war er mir schuldig nach den gefühlten 150 Körben, die ich von ihm bekommen hatte. „Und das tut mir ehrlich leid“, sagte er. „Ich war ein Esel.“ Oha, Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung.

Danach machten wir einen großen Spaziergang. Der Orthopäde musste mich nicht tragen, meine Beine hatten die 35km überraschend gut verkraftet. Als er mich nach Hause fuhr, saßen wir noch eine Weile im Auto und unterhielten uns weiter. Schließlich fragte ich, ob er noch mit in meine Wohnung kommen wolle. Wir bestellten Pizza, er bezahlte. Jetzt waren es nur noch 148 Körbe, die er wieder gutmachen musste. „Aber“, so zog ich ihn auf, „so einfach kannst du dich nicht freikaufen.“ Wir setzten uns auf mein Sofa und schauten einen Film. Der Orthopäde kommentierte jede Szene, ich fand’s total nervig. Aber ich hatte den Eindruck, dass er unsicher und nervös war; dass er das überspielen wollte. Innerlich schmunzelte ich. Sollte er sich mal anstrengen, ich würde ihm nicht helfen, schließlich hatte er noch was abzuarbeiten.

Irgendwann rutschte er näher an mich heran und legte einen Arm um mich. Mit einem Seitenblick auf mich sagte er: „Wenn ich dir zu nahe treten sollte, dann schlag mich.“ Nein, ich fühlte mich wohl in seiner Nähe. Wir küssten uns und das fühlte sich noch besser an.

 

Doch ich wäre nicht ich, wenn ich mir nicht zu viele Gedanken machen würde. Vor ein paar Tagen war er noch ein Trauerkloß gewesen, dem es seelisch schlecht ging, weil er eine Abfuhr bekommen hatte. Jetzt saß er mit mir knutschend auf dem Sofa. War ich nur ein Trostpflaster, eine Ablenkung? Und wenn es so wäre, wäre ich selbst schuld, ich hatte mich ja förmlich aufgedrängt.

„Alles gut?“, fragte er mich, als könne er meine Zweifel spüren. „Das ging jetzt schon alles schnell, oder?“, sagte ich. Er lächelte, küsste mich und sagte: „Aber es fühlt sich gut an.“

Für den Moment reichte mir diese Antwort. Aber er würde mir noch einiges erklären müssen.

9 Kommentare zu „Der Orthopäde – Das ging jetzt schnell

      1. Ich denke, Dein Gefühl täuscht Dich da nicht. 😉
        Allerdings, mit der „Schüchternheit“ hast Du ja quasi die Steilvorlage geliefert. 🙂

        Ansonsten gilt:

        🙂

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