Der Banker – Pfingsten

Vor einiger Zeit hatte ich mal angedeutet, dass ich ein Tinder-Match mit einem Banker hatte. Das war an Weihnachten. Er war zu Besuch bei seinen Eltern hier in der Nähe, kommt aber eigentlich aus einer Großstadt, ca. 300km entfernt. Also ein reiner Zufallstreffer. Wir hatten uns damals nicht getroffen, weil das auf Grund der Feiertage nicht passte. Dennoch ist der Kontakt nie abgerissen. Anfangs beschränkte es sich auf den üblichen Smalltalk und Fachsimpelei über das Lauftraining, denn natürlich ist er Sportler. Nach und nach wurde der Kontakt intensiver: mal flirtend, mal freundschaftlich; von „Guten Morgen“ bis „Schlaf gut“. Wir schreiben uns, was wir am Tag erleben, was wir essen, mit wem wir uns treffen. Ich weiß, dass er zwischenzeitlich ein Date hatte, bei dem auch mehr lief. Er kennt – zumindest teilweise – die Geschichte vom Orthopäden.

Wir haben mehrfach telefoniert. Kein Telefonat war kürzer als eine Stunde. Wenn wir beide abends nichts vorhaben, sprechen wir uns ab, was wir im TV schauen und diskutieren während der Werbepausen über den Film. Es hat schon was beziehungsmäßiges.

Ostern wollte er seine Eltern besuchen. Ostern wollten wir uns treffen. Ostern war Corona und Kontaktsperre. Bäh. Wir hatten geplant zusammen 20km zu laufen und anschließend Eis zu essen. Ich befinde mich aktuell im Marathontraining. Die Challenge Roth wurde zwar abgesagt, also starte ich bei der Challenge Somi. Einen Marathon kann ich auch hier laufen. Ohne abgesperrte Strecke, ohne Stress, ohne Publikum… nur ich, meine Uhr und mit ganz viel mentaler Stärke. Uff!

Der Banker wollte mich auf meinem Trainingslauf begleiten. 20km hätte er aus dem Stehgreif geschafft. Zwar ist er langdistanz-erfahren, aber dieses Jahr waren nur Halbmarathon und Mitteldistanz geplant, deswegen wären 20km kein Problem.

Aber: Corona. Das Date an Ostern fiel aus. Pfingsten war das neue Datum. Pfingsten musste ich 30km laufen. Er wollte mich trotzdem begleiten. Ich bot ihm an, die Strecke so zu legen, dass er unterwegs aussteigen konnte, aber nein! Der Superathlet war der Meinung, dass er 30km laufen könne. Selbst Schuld!

Wir hatten verabredet, dass er am Samstagmorgen zu mir kam. Pünktlich stand er bei mir auf der Matte. Wir umarmten uns zur Begrüßung und ich dachte nur: „Uuuh, Knoblauch.“ Am Tag zuvor war er zum Grillen eingeladen gewesen. Da gab es wohl auch reichlich Tzatziki. Ich konnte es riechen. Nun gut, er sollte jetzt drei Stunden Zeit haben, den Knoblauch rauszuschwitzen.

Irgendwie war es komisch, den Banker live bei mir zu haben. Er war mir so vertraut, aber irgendwie auch nicht. Das Gesicht war mir bekannt, weil er viele Selfies geschickt hatte, die Stimme kannte ich durch die Telefonate. Aber „in echt“ war das was ganz anderes.

Wir liefen los. Es war sonnig und ich befürchtete, dass es warm werden würde. Nicht mein Laufwetter. Der Banker redete. Und redete. Und redete. Von unseren Telefonaten wusste ich schon, dass er gerne erzählte. Beim Laufen fand ich das nahezu störend. Ich mag es, mir die Gegend anzuschauen und die Vögel zwitschern zu hören. Der Banker quatschte in einer Tour. Irgendwann wurde er ruhiger; ich dachte, dass er sich leergequatscht hätte. Nein, er war an seiner Grenze angekommen. Es war ungefähr nach 20km, nach 2/3 der Strecke. Es wurde immer wärmer, die Sonne brannte vom Himmel und von Schatten war nichts zu sehen. Es sollten sehr lange 10km werden…

Nach 25km pfiff der Banker aus dem letzten Loch, 1000m später brauchte er eine Gehpause. Seine Wasservorräte waren schon längst aufgebraucht; er konnte nicht mehr. Ich lief ein Stück vor um meinen Rhythmus nicht zu verlieren, drehte dann wieder um und lief zu ihm zurück. Nein, keine Chance. Auch nach dieser Pause war bei ihm der Akku leer. Er sagte mir, ich solle weiterlaufen, er würde den Weg zurückfinden. Nein, sowas macht man nicht. Also gingen wir die letzten 3km gemeinsam zurück. Ich glaube, dass ihm das peinlich war. Und ich hatte es fast geahnt… untrainiert mal eben 30km zu laufen war eine bescheuerte Idee.

Bei mir angekommen, setzte er sich seufzend auf einen Küchenstuhl und nahm dankbar das obligatorische isotonische Bier entgegen. Mir reichte ein Wasser. Und während er noch seine Wunden leckte, verschwand ich unter der Dusche.

 

Wie es wohl weiterging? Ob er zu mir unter die Dusche kam? Ob wir noch Eis aßen? Ob ich ihn doof fand oder er mich? Herzchen, Schmetterlinge?

 

Schlaft gut!

19 Kommentare zu „Der Banker – Pfingsten

  1. Es liest sich vieles heraus und doch bleibt die Frage, ob das dann auch so stimmt. Also nach Schmetterlingen klingt es nicht und in die Dusche kam er nicht nach, das würdest du doch nicht einfach so als Möglichkeit aufzählen, wenn es wirklich passiert wäre. Ich denke, du hast fertiggeduscht, er dann womöglich selbst. Nach mal eben Spazierengehen klingt es auch nicht, außer er hat ne enorm schnelle Erholungszeit. Also vielleicht noch ein wenig gequatscht und ein Kussversuch (ich pokere mal), der fehlschlägt wäre mein Tipp.

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