„Man merkt, dass Sie Ihren Beruf lieben.“

Aktuell behandle ich eine alte Dame, bei der ich manchmal nicht weiß, ob ich lachen oder weinen soll. Oft bin ich am Rande der Verzweiflung. Die Frau, nennen wir sie der Einfachheit halber Frau Müller, hat einen Beckenbruch. Ihr linkes Bein schmerzt, das Laufen fällt ihr schwer. Sie ist alt, Mitte 80 ungefähr und bringt einiges mit, was das Alter so beinhaltet. Schwerhörigkeit zum Beispiel. Sie hört allerdings nicht nur schlecht, sie hört auch nicht zu. Und sowas kann mich ja aufregen.

So ereignete sich vor ein paar Wochen folgendes: Es ist ein angenehm warmer Tag, nicht zu kalt, nicht zu heiß. Da sich Frau Müller sicher am Rollator in ihrer Wohnung fortbewegen kann, möchte ich heute mit ihr draußen laufen. Einfach mal Strecke machen, 100m am Stück sollten machbar sein. Während ich ihr noch erkläre, dass ich gerne draußen laufen würde, dackelt sie schon Richtung Sofa, wo wir beim letzten Mal die Krafttübungen absolviert hatten. „Stopp, Frau Müller. Ich möchte draußen laufen.“ – „Was möchten Sie?“ – „Draußen laufen.“ – „Jaja, ich laufe schon ganz gut. Soll ich jetzt aufs Sofa?“ „Wir gehen nach draußen!“, mittlerweile hat sich meine Lautstärke deutlich erhöht und ich zeige mit der Hand Richtung Haustür. Frau Müller erbleicht: „Nein, das kann ich nicht (…)viel zu anstrengend (…) hab ich gestern noch gemacht (…) Schmerzen (…)“. Aber ich bin eine fiese Therapeutin und lasse nicht locker. Sie zieht sich feste Schuhe an, nicht ohne weiter zu lamentieren, warum sie heute nicht draußen laufen kann. Schließlich stehen wir an der Haustür und sie jammert wieder: „Ich kann aber nicht mit dem Rollator die Treppe herunter.“ – „Sollen Sie ja auch gar nicht. Stellen Sie den Roll…“ – „Ich kann mit dem Rollator nicht die Treppe herunter. Ich kannnichtichkannnichtichkannicht…“ Ich entreiße ihr etwas genervt den Rollator und stelle ihn ans Treppenende. Dann packe ich Frau Müller an der rechten Hand. Mit der linken hält sie sich am Treppengeländer fest. „Ichkannnichtichkannnicht…“, zetert sie weiter. „Können Sie wohl, haben wir doch schon geübt.“ Sie hört mich gar nicht, denn sie reagiert überhaupt nicht auf mich, sie jammert ununterbrochen weiter. Ich werde lauter: „Frau Müller! Linkes Bein zuerst! Und los geht’s!“ – „Ich kann das nicht! Ich habe solche Angst! Ich laufe nie mit dem rechten Bein zuerst. Ich kann das nicht mit rechts. Ichkannnichtichkannnicht…“ – „Sie sollen doch gar nicht mit dem rechten Bein zuerst. Mit DEM LINKEN!“ Doch keine Reaktion. Sie heult weiter, ich werde noch lauter um überhaupt zu ihr durchzudringen: „RUHE JETZT! ZUHÖREN!“ (Ohmeingott, hoffentlich hören mich die Nachbarn nicht.) Gleichzeitig packe ich sie etwas fester als nötig am Arm. Und endlich ist sie still und hört mir zu. „LINKES BEIN ZUERST! LOS GEHT ES!“ Befehlston – und es geht. Einwandfrei läuft Frau Müller die Treppe hinunter. Auf der Straße geht mein Geschrei weiter: „GROSSE SCHRITTE! NICHT SCHLURFEN! SCHÖN DIE FÜSSE ABROLLEN!“ Ich mag mich selbst schon nicht mehr hören, ich fühle mich tierisch unhöflich, aber freundlich schreien kann ich einfach nicht.

Schließlich stehen wir wieder am Haus. Statt den Rollator stehen zu lassen, versucht Frau Müller den Rollator die Treppen hochzutragen. „Lassen Sie den Rollator stehen, ich mache das schon“, sage ich vor Schreck in gemäßigter Lautsstärke. „Ohoho, das geht aber gar nicht gut“, staunt Frau Müller. – „Lassen Sie das! (Sie hört nicht auf mit dem Rollator zu kämpfen. Die Vorderräder hat sie schon auf die erste Stufe hieven können.) STOPP JETZT!“ – „Oh, soll der Rollator draußen bleiben?“ Ich schreie Frau Müller an, dass sie sich am Geländer festhalten soll und ich den Rollator hochtragen werde. Mit genauso viel Geschrei laufen wir dann zusammen die Treppe hoch. Mittlerweile fühle ich mich fast heiser und mit den Nerven am Ende. Schreien ist ganz schön anstrengend.

Als ich mich von Frau Müller verabschiede, schüttelt sie meine Hand und sagt: „Ach was ist das schön, man merkt richtig, wie Sie Freude haben, an dem was Sie tun. Man merkt, dass Sie ihren Beruf lieben.“

Eigentlich hat die Frau recht. Aber nicht an diesem Tag.

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10 Kommentare zu „„Man merkt, dass Sie Ihren Beruf lieben.“

  1. Du hast echt keinen einfachen Job .. ich hab 11 Jahre meine komplett demente Mama gepflegt .. zuerst kamen ihre Probleme fast alle vom Kopf, bis sie sich einen Oberschenkel brach, weil sie auf dem Flur lang hingefallen ist .. und dann im Krankenhaus, weil die nicht aufgepasst haben, aus dem Bett .. Trümmerbruch dann …weil sie nachts laufend um Hilfe schrie und ich mir dachte, das lasse ich nicht zu, habe ich also beschlossen zu sagen .. sie kommt nach Hause, ich organisiere die Krankengymnastik selbst hier .. oder ich hol die Polizei und mach da in der Reha-Klinik so einen Larry, dass alles zusammenläuft.
    Die Krankengymnastin hatte sicher genauso gut Nerven wie Du … die war toll. Die liebte sicher auch ihren Beruf.
    Ich muss sagen, ich liebte meine Mama .. als sie gestorben war, hatte ich kurz den Impuls, sowas auch danach beruflich zu machen, hab mir aber überlegt .. nein … ich hab die Nerven nicht, genauso wie mit Mama mit jedem Fremden umzugehen.
    Du offenbar ja. Schön, dass manche Menschen sowas können.

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    1. Ja, manchmal braucht man Nerven wie Drahtseile 😉 Ich bewundere Leute, die in der Pflege arbeiten oder ihre Angehörigen pflegen. Deren Nerven müssen viel länger durchhalten. Ich kann meine Patienten nach 25min wieder abgeben und habe danach (hoffentlich) weniger anstrengende Patienten 😉 Die Mischung macht’s spannend.

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  2. Ich kann im Moment nicht gut laufen.
    Es kriegen Leute mit, die das nichts angeht, die die Hintergründe nicht kennen, die sich unverschämt darüber auslassen und Schlüsse daraus ziehen.
    Hätt ich jetzt noch einen Rollator und eine PT, die mich vorführt, würd ich durchdrehen.:)
    Es gibt nicht nur physische Probleme, auch nicht mit der Physiotherapeutin …

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    1. Sorry, irgendwie ist mir dein Kommentar durch die Lappen gegangen…
      Mit dummen Bemerkungen muss man leider immer rechnen. Entweder klärt man diejenigen dann auf, oder man lebt damit. Meine Patientin hat wohl den Vorteil, dass mit ü80 der Rollator gesellschaftlich akzeptiert ist 😉😉
      Ich wollte sie hier allerdings nicht vorführen, sondern einfach nur von dieser Kuriosität berichten.

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