Der Business-Typ

Wenn ich mir überlege, wie der Vollidiot 1.0 aussieht, ich hätte ihn bei Tinder sicherlich nach links gewischt. Eigentlich ist er überhaupt nicht mein Typ. Aber er hatte eben dieses gewisse Etwas, er war einfach charismatisch. Etwas, das man auf Fotos nicht sieht. Da das auch auf andere Männer in meinem Leben zutrifft, habe ich meine Tinder-Strategie geändert: ich wische konsequent alles nach rechts, außer der Mann ist wirklich spuckehässlich (oder hat lange Haare, oder ist winzig, oderoderoder). Ich will ja nicht als oberflächlich gelten.

Zumindest ergeben sich auf diese Art und Weise deutlich mehr Matches. Die Gespräche langeweilen mich allerdings umso mehr.

Bis ich ein Match mit einem Mann hatte, der unter anderen Umständen nach links gewischt worden wäre. Nicht mein Typ. Er sieht sicherlich gut aus (das tut ein Cristiano Ronaldo auch, der würde bei mir trotzdem links landen), sportlich, schicke Frisur. Und er trägt Hemden. Auf allen Bildern. Überhaupt sehen die Fotos aus, als wären sie für eine Firmen-Homepage entstanden. Immer mit Hemd, manchmal auch mit Jackett. Sehr business-like. Nicht mein Fall. Ich will aber hinter die Fassade sehen, also wische ich nach rechts. Später haben wir das Match.

Er schreibt: „Wenn wir heute ein Date hätten, wofür würdest du dich entscheiden? Sushi oder Pizza? Bier oder Wein? Spaziergang oder Club?“ Ich entscheide mich für die Pizza mit Bier und anschließendem Spaziergang. Wir klären kurz die Eckdaten, wie Wohnort und… nein, stimmt gar nicht… Wohnort wird abgeklärt, zu Whatsapp gewechselt und schon ist ein Date für den nächsten Tag vereinbart. Er wohnt in der gleichen Stadt wie der Soldat 2.0 wohnt/gewohnt hat, allerdings in einem anderen Stadtteil. Davor wohnte er in Hamburg. Diese Stadt verfolgt mich… Er fragt mich, ob wir uns bei ihm in der Nähe treffen wollen, ich stimme zu und so treffen wir uns am nächsten Tag nachmittags in einer Art Park.

Während ich noch einen Parkplatz suche, schreibt er mir, dass er da ist. Ein paar Minuten später bin ich dann auch am Treffpunkt und erkenne ihn sofort. Er trägt Jeans, ein schwarzes Hemd mit Steppweste darüber. Und – mein Gott! – er ist winzig. Höchstens so groß wie ich. Und viel mehr wiegt er vermutlich auch nicht. Er begrüßt mich mit einer Umarmung und ich merke, wie er mich einmal von Kopf bis Fuß abcheckt. Scheinbar werde ich für gut befunden, denn ständig berührt er mich ganz beiläufig.  Ich mag das nicht. Junge, ich kenn dich gerade mal 5 Minuten.

Wir laufen in den Park und suchen ein schönes Plätzchen zum Sitzen. In der Sonne ist es schön warm, im Schatten eher weniger. Entsprechend sind keine Plätze in der Sonne frei und der Biergarten hat eh geschlossen. Der Business-Typ bedauert es: „Ach schade, da hättest du einen leckeren Wein trinken können.“ Er selbst trinkt keinen Alkohol und ich auch nicht, zumindest nicht, wenn ich noch Auto fahren muss. Ich erwidere, dass mir ein Kaffee und Wasser reichen würde. „Ach, wenn das so ist, hätten wir uns auch bei mir treffen können.“ Ich fühle mich total überfahren, denn sein nächster Vorschlag ist tatsächlich zu ihm zu fahren. Will ich das? Zu einem wildfremden Mann? Aber mein Gott, was soll schon passieren? Der Mann ist klein und schmal, mit dem komme ich schon zurecht.

Er will mit dem Auto fahren, mir ist das zu blöd, denn seine Wohnung ist gerade mal 700m entfernt. Minuspunkt für ihn, ich bin ein Bewegungstier. Beim Laufen merke ich, dass ich mich ihm ganz schön anpassen muss. Himmel, läuft er langsam. Okay, meine Beine sind länger, ich muss meine Schritte ganz schön kürzen um ihm nicht voraus zu eilen.

Wenig später sind wir bei seiner Wohnung. Er wohnt im Obergeschoss eines Reihenhauses. Seine Wohnung ist genauso wie er, nämlich winzig. Schätzungsweise so groß wie mein Wohnzimmer. Zugegeben, mein Wohnzimmer ist groß, aber als Wohnung wäre es mir deutlich zu klein.

Als erstes fällt mir im Regal ein Buch auf: „Sportbootführerschein binnen“. Daneben eine Schachtel mit dem Aufdruck „Rolex“. Er erklärt mir, dass er den Sportbootführerschein für Außengewässer bereits hat und das Buch da zur Motivation steht, damit er den Schein für Binnengewässer auch noch macht. Was macht er eigentlich beruflich? Er hatte ein paar Cafés in Hamburg, bis er umzog und hier zwei Cafés eröffnete. Jetzt macht er aber eine Umschulung zum Immobilienmakler. Ich habe ganz schreckliche Assoziationen – ihr auch? Alle meine Alarmglocken schrillen und ich fühle mich ganz fürchterlich an den Idioten 1.0 erinnert. Ich kann dies, ich hab das, doch wie echt ist das alles?

Wir sitzen auf seinem Sofa und trinken handgefilterten Kaffee. Er rückt immer näher an mich heran, zeigt mir Fotos auf seinem Handy von seinem Café, von einem Tisch, den er selbst bearbeitet hat (aber in seiner Wohnung fasst er keine Bohrmaschine an, dafür gibt es Hausmeisterservice) und ich überlege krampfhaft, ob ich fliehen soll oder ob ich mich küssen lassen will. Denn darauf läuft es wohl hinaus.

 

Seit langem gibt es mal wieder einen Cliff-hanger. Der Beitrag wird zu lang und ich zu müde 😉 Schlaft gut!

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20 Kommentare zu „Der Business-Typ

  1. Klingt komisch, der Held… „Bier oder Wein“ – „…Bier“; Dann aber „ach schade, da hättest du einen Wein trinken können“. Hallo? Wenn er schon Quizmaster spielt, soll er sich auch die Antworten merken!
    Du hast das bestimmt richtig gemacht ;)…

    Das mit dem schnellen Gehen kenne ich, könnte eine Läufer-Krankheit sein

    Übrigens: Danke fürs Blog schreiben, du hast ja wirklich eine Film- (oder Serien-)reife Reihe von Einträgen!

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  2. Ich hatte letztens auch eine die gar nicht mal so klein war, die ging aber auch furchtbar langsam und ich war oft einen Schritt vor ihr. Aber ich finde es furchtbar anstrengend wenn ich meine Schritte so kürzen muss.

    Im Großen und Ganzen hört sich dein Date nicht passend an. Ich glaube aber auch das liegt eventuell am Unterbewusstsein, weil es schlicht nicht dein Typ ist.
    Ich habe auch versucht Experimente mit Frauen zu machen, die mir nicht so zusagen. Passt und geht meiner Meinung nach einfach nicht gut.

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  3. Würde ich den Plot schreiben, hätte ich hier keinen Cliffhanger eingebaut, denn was kann jetzt noch kommen, außer der Flucht? Okay, da kommt dann meist noch gut was nach, aber ohje. Deine Worte lassen klar ein Unwohlsein erkennen und den Kuss sollte man sich dann gar nicht erst geben. Ich bin gespannt auf den nächsten Teil 🙂

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