Drama am Morgen

Ich wohne in einem Sechs-Parteien-Haus. Ich wohne im Dachgeschoss, neben mir wohnt eine Frau mit ihrem Mann, die ungefähr mein Alter haben mag. Unter mir wohnt jemand, der auch in meinem Alter ist. Daneben wohnt ein sehr dicker Mann, Frührenter. Dessen Mutter wohnt im Erdgeschoss. Sie ist Ende 70 und kümmert sich viel um „ihren Jungen, denn der kann nicht so gut.“ Ebenfalls im Erdgeschoss wohnt ein Rentner, der sehr schwerhörig ist und auch nicht mehr besonders fit ist.

Wozu ich das erzähle? Folgendes hatte sich zugetragen…

 

Da sitze ich an meinem freien Mittwochmorgen halb verschlafen am Küchentisch, trinke meinen Kaffee und wundere mich über eine fürchterliche Unruhe im Treppenhaus. Ich höre eine laute Männerstimme poltern und meine junge Nachbarin zwitschert dazwischen. Muss der schwerhörige Nachbar immer so schreien? Der soll mal sein Hörgerät lauter stellen… Ich höre hämmernde Schläge. Handwerker im Haus? Muss das sein an meinem freien Morgen?? Ich höre wieder die Männerstimme: „Hallo, hallo, mach mal die Tür auf!“ Meine Nachbarin zwitschert wieder dazwischen, die Rufe werden lauter. Streiten die sich? Muss ich da nach dem Rechten sehen? Ach, geht mich auch nichts an. Ich schlurfe ins Badezimmer.

Während ich die Zähne putze, schaue ich aus dem Fenster. Ich sehe, wie die Feuerwehr auf meine Straße abbiegt. Das ist an für sich nichts ungewöhnliches, da ich an einer Hauptverkehrsstraße wohne. Den Rettungswagen habe ich heute auch schon mehrfach gehört. Ungewöhnlich ist nur, dass die Feuerwehr nach der Kurve nicht beschleunigt sondern abbremst. Hält der Wagen etwa bei uns vor der Tür? Vielleicht sollte ich doch mal nachschauen, was im Treppenhaus los ist.

Also ziehe ich mir was Ordentliches an und verlasse meine Wohnung. Ich schaue die Treppe herunter und sehe im Erdgeschoss etliche uniformierte Leute stehen: Polizei, Feuerwehr und einige Rettungssanitäter. Meine junge Nachbarin sitzt auf der Treppe und beobachtet das Treiben. Ich setze mich dazu und frage was passiert ist. Der dicke Nachbar geht jeden Mittwochmorgen mit seiner Mutter einkaufen. Als er sie heute abholen wollte, öffnete sie ihm nicht die Tür. Er hat zwar einen Schlüssel für die Wohnung, doch da von innen ein Schlüssel steckte, konnte er die Tür nicht aufschließen. Auf sein Klingeln folgte keine Reaktion. Er machte sich Sorgen und traf zufällig die junge Nachbarin im Hausflur, die sich dann ebenfalls Sorgen machte. Immerhin ist die gute Frau schon älter, es könnte ja was passiert sein. Die beiden versuchten von außen durch die Fenster zu schauen, doch die Rollläden waren noch heruntergelassen. Mit ach und krach konnten sie den Rollladen vom Schlafzimmerfenster etwas hochschieben und sahen, dass die alte Frau auf dem Bett saß. „Jaja, mir geht es gut. Ich komme gleich zur Tür“, hatte sie wohl durch das geschlossene Fenster gerufen. Aber sie war nicht zur Tür gekommen. Kam wohl nicht vom Bett hoch. In seiner Verzweiflung rief ihr Sohn die Polizei und die Geschichte nahm ihren Lauf.

 

Inzwischen versucht die Feuerwehr die Tür aufzubrechen. Da man durch das Fenster sehen kann, dass die alte Nachbarin bei Bewusstsein ist, verzichtet die Feuerwehr auf schweres Gerät. Irgendwie versuchen sie das Schloss zu öffnen. Meine junge Nachbarin fragt mich leise, ob es nicht schneller gehen würde, wenn man den Schlüsseldienst holen würde. Es scheint ewig zu dauern, bis sich die Tür öffnet. Der dicke Nachbar versucht sich durch die Menge in die Wohnung zu zwängen, aber man lässt ihn nicht hinein. Zuerst muss jemand von der Feuerwehr abklären, ob irgendwo Gas austritt. Also geht einer von  ihnen mit Atemschutz und in voller Montur in die Wohnung, ins Schlafzimmer, wo die alte Dame im Nachthemd auf dem Bett sitzt. „Was machen Sie denn hier?“, hört man nur von innen. Als nächstes dürfen Sanitäter und der Sohn hinein.

 

Die alte Nachbarin weigert sich ins Krankenhaus zu gehen. Polizei, Feuerwehr und Sanitäter ziehen wieder ab, nicht ohne ihr gut zuzureden, sich zumindest vom Hausarzt untersuchen zulassen. Nein, das ist nicht nötig, meint sie. Sie habe eine Warze am Fuß, die täte so weh, dass sie nicht aufstehen könne. Meine junge Nachbarin und ich zweifeln das an, ihr Sohn ist mit den Nerven am Ende. Aber man kann einen Menschen nicht gegen seinen Willen ins Krankenhaus bringen.

 

Zwei Tage später: meine alte Nachbarin ist in ihrer Wohnung gestürzt. Da ihr Sohn ihr nicht auf die Beine helfen konnte, hat er erneut die Feuerwehr gerufen. Dieses Mal ist sie ins Krankenhaus gebracht worden. Sie hat einen Oberschenkelhalsbruch, doch ihre Vitalwerte sind so schlecht, dass man nicht operieren kann. Jetzt liegt sie auf Intensivstation. Hätte sie am Mittwoch mal auf ihren Sohn gehört…

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15 Kommentare zu „Drama am Morgen

      1. das stimmt auch wieder, ich bin zur Zeit in Reha wegen einer neuen TEP bin aber nicht gestürzt, Verschleiss und Arthrose, 3 Wochen jetzt operiert. schmerzen, abgenommen durch die schmerzen seit November. Bein wieder angeschwollen, brauche Lymphdrainage, die die Reha zwar gross auf ihre Fahnen schreibt, aber noch auf die Anwendungspläne. muss morgen Mal wieder nachhaken

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  1. Mein Ex-ex-ex-Freund hatte mal die Festnetz-Nummer 21211. Als ich mal eine Nacht alleine in seiner Wohnung war klingelte sein Telefon mitten in der Nacht. Ich ging ran und am Telefon war eine alte Frau, die gestürzt war und nur mühsam nach oben auf die Flurkommode greifen konnte. So versuchte sie quasi blind die Notrufnummer zu wählen und kam bei mir raus. Ich notierte Namen und Adresse, in der Aufregung vergaß ich nach der Nummer zu fragen und notierte auch noch etwas an der Adresse falsch. Ich musste auflegen, um die Polizei anzurufen (Zeiten vor Mobiltelefonen). Die Polizei nahm es auf und tief mich nach 15 Minuten zurück, dass es die Adresse nicht gäbe. Den Namen konnten sie auch nicht im Telefonverzeichnis finden. Aber sie würden jetzt suchen. Ich war völlig aufgelöst. Mein Ex-ex-ex-Freund hatte ein uraltes Telefonbuch rum liegen. Da blätterte ich mal drin, fand den Namen mit Adresse. Ich rief noch mal bei der Polizei an, die fuhren samt Feuerwehr und Notarzt zu dieser Adresse, fanden die Dame und konnten sie ins Krankenhaus bringen. Netterweise riefen sie mich an, um mir zu sagen, dass sie sie gefunden hatten. Ich war so erleichtert!
    Deine Geschichte hat mich gerade so sehr daran erinnert!

    Gefällt 2 Personen

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