Kein Wort

Er meldet sich nicht. Dabei war er es gewesen, der sagte, dass wir das alles sacken lassen müssen, eine Nacht drüber schlafen müssen um dann noch mal in Ruhe über alles zu reden.

Ich habe Bahnverbindungen rausgesucht. Mit dem IC könnte er die Strecke von Berlin in 4 Stunden 30min zu Hause sein (mit dem ICE sogar schneller). Kostet gerade mal 30€. So viel zum Thema Zeit- und Kostenaufwand. Ich könnte auch nach Berlin fahren, dauert etwas länger, wird etwas teurer – ist aber machbar. Interessiert ihn nicht. Er meldet sich nicht.

Dabei war er vor ein paar Wochen noch so fürsorglich gewesen. Er war bei mir im Krankenhaus gewesen. Er sagte, dass es doch selbstverständlich war, auch wenn er Geburtstag hatte. Das Wochenende danach bin ich zu ihm gefahren. Er erinnerte mich morgens daran, dass ich meine Medikamente nehme, war ganz besorgt, sobald ich hustete, was noch recht oft vorkam. Insbesondere wenn ich mich anstrengte, z.B. beim Sex 😀 Dann hielt er mich einfach im Arm, bis sich meine Atmung beruhigt hatte. Wir sind spazieren gegangen, das Wetter war scheußlich. Nasskalt und nebelig, doch im Wald war das Licht toll gewesen. Wir haben Fotos vom Herbstlaub gemacht, welches sich bunt vor der grauen Nebelwand abzeichnete. Er hatte mir mein Handy aus der Hand genommen um Selfies von uns zu machen. Ich dachte, dass wir glücklich sind.

Das Wochenende danach war er mit seinen Kumpels verabredet. Für mich war keine Zeit. Ich war enttäuscht, sauer, denn das Wochenende danach würden wir uns auch nicht sehen. Da wollte er in Berlin bleiben, sich dort mit einem Freund treffen. Zumindest hatte ich das so verstanden.  Achtung, Kommunikationsproblem! Tatsächlich traf er sich dort mit seiner Ex. Das erfuhr ich so nebenbei. Die beiden sind schon seit Ewigkeiten getrennt, aber seitdem beste Freunde. Trotzdem war das für mich ein Schlag in die Magengrube. Ich bat ihn mich anzurufen. „Warum rufst du denn nicht selbst an, wenn du ein Problem hast?“, fragte er. Und ich antwortete etwas kleinlaut: „Ich wollte nicht stören.“ – „Ach, du störst doch nicht; kannst du doch gar nicht.“ Er beruhigte mich. Alles war gut. Zumindest die nächsten Tage.

Dann änderten sich die Nachrichten. Irgendwas war anders. Er ging weniger auf meine Fragen ein, hatte ich das Gefühl. Wollte freitags erst spät abends nach Hause fahren, um dem größten Verkehr aus dem Weg zu gehen. Meldete sich abends nicht, als er zu Hause angekommen war, weil er das Handy im Auto hatte liegen lassen. Da ahnte ich schon, was am Sonntag auf mich zukommen würde. Das wisst ihr ja bereits.

Nachdem er sich die letzten Tage gar nicht gemeldet hat, habe ich versucht ihn anzurufen. Keine Chance, er geht nicht ans Telefon. Jetzt gebe ich auf. Er will sich einfach nicht mehr mit mir auseinandersetzen. Ich frage mich, was das letzte halbe Jahr wert war. Es fühlte sich so richtig an, so echt. Der gemeinsame Urlaub, die Hochzeit, seine Sorge, als ich im Krankenhaus war, überhaupt die ganze gemeinsame Zeit. Das ist schon alles so weit weg.

 

Ich denke, dass ich ihn nie wieder sehen werde. Das macht mich verdammt traurig.

 

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25 Kommentare zu „Kein Wort

  1. ich verstehe deine traurigkeit. du hast so viel logik dargeboten, warum du alle gründe hast, traurig zu sein, undwahrscheinlich ist es auch ein verletztes selbstwertgefühl. und du hast recht. und weil ich es nicht ändern kann, und du wohl leider auch nicht, nehm ich dich einfach mal fest in den arm.

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  2. Einen Rat kann und will ich nicht geben, kann man in diesem Fall auch gar nicht, so traurig es auch ist. Das hast du nun wirklich nicht verdient. Es sieht so aus als wollte er nicht mehr mit dir zusammensein. Irgendwas muss in Berlin passiert sein, vielleicht hat er aber auch jemand anderen in Berlin gefunden, ich hab ja keine Ahnung, ich weiss nur es tut mir für dich sehr sehr leid und ich kann dir den Schmerz nachfühlen. Kopf hoch, Somi ,

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  3. So wie du es schilderst, gab es wohl einen Schlüsselmoment, entweder mit dir oder mit seiner Ex. So richtig einzuordnen ist seine fehlenden Reaktionen nämlich nicht. Oder eben doch. Alles ist möglich, nichts ebenfalls.

    Bleib ruhig, melde dich nicht und lass ihm Zeit und lass ihn kommen. Alles andere wird nicht fruchten.

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      1. Es passt nicht zu der Seite von ihm, die Du bisher kennenlernen konntest. Es tut mir leid das zu sagen, aber der wahre Charakter zeigt sich in extremen Situationen. Er scheint überfordert zu sein und statt sich der schwierigen Situation und der Auseinandersetzung mit Dir zu stellen oder zumindest eine klare, einfache Ansage zu machen, fährt er eine „Vogel Strauss“ Taktik und zieht einfach weiter. Ich glaube nicht, dass Du ihm egal bist, extrem schwach ist dieses Ghosting trotzdem. Damit hinterlässt er verbrannte Erde, die er so nicht mehr sehen muss. Passt ein bisschen zum grundsätzlichen Lebensmodell des nicht-sesshaft Werdens. Dass Du das nicht willst, weißt Du ja schon. Durch den Schmerz jetzt wirst Du durchgehen. Ich hoffe dennoch dass es einen für Dich „runden“ Abschluss geben wird.

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  4. Großer Mist. Die eine Frage wäre, ob er sich durch sein Verhalten bereits selbst disqualifiziert hat, die darauffolgende inwieweit du darüber hinwegsehen kannst, gerade wegen dem undefinierten Zustand.
    Schreib ihm einen Brief, so von Hand mit Briefmarke und Post und so. Der kommt an und damit muss er sich beschäftigen, selbst wenn er ihn nicht liest. Und fordere ihn zu einer Aussage auf, ohne ihn zu sehr anzuklagen. Du bist die Herrin im Ring, auch wenn du dich nicht danach fühlst. Niemals unterordnen und nicht zu sehr leiden. Ich denke, ein unwürdiger Schluss ist zu vermeiden.
    Angeblich ist seine Ex nun ‚best friend‘? Also hat er da den Kontakt auch nicht abgebrochen, oder er sagt nicht die Wahrheit.
    Und: Reisende soll man nicht aufhalten.
    Ich wünsch dir viel 🍀 Glück, auch für 2019.

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    1. Ich habe tatsächlich schon überlegt, ihm einen Brief zu schreiben. Ich habe hier sowieso noch ein paar Dinge von ihm rumliegen. ZB den USB-Stick, den er mir für meinen Krankenhausaufenthalt mit Filmen und Hörbüchern bespielt hat.
      Mit seiner Ex war er Ewigkeiten zusammen und das ist auch schon wieder Jahre vorbei – sagt er. Das war ja auch nicht die letzte Freundin.
      Ich wünsche dir einen Guten Rutsch!

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  5. Mensch, das tut mir leid für Dich. Laß Dich mal drücken!

    So von hundert auf null…. da bist Du ohnmächtig. Und die Frage ist ja auch wirklich, ob Du ihm denn wieder unbefangen gegenübertreten wolltest und könntest nach dieser Schweige- Zeit.

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    1. Ich könnte ihm sicherlich nicht unbefangen gegenübertreten. Dafür ist jetzt zu viel kaputt gegangen. Was aber nicht bedeutet, dass mir ein klärendes Gespräch nicht wichtig ist.
      Hätte er mir gesagt, dass es für ihn nicht passt und wäre er direkt wieder gegangen – okay, damit könnte ich leben. Aber dass er neben mir geweint hat, sich zum Teil an mich geklammert hat, und dass er sich jetzt nicht mehr meldet – das passt einfach nicht zusammen.

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    1. Darüber hab ich schon nachgedacht. Aber auf gut Glück hinzufahren um festzustellen, dass er nicht da ist, weil er übers Wochenende nicht nach Hause gekommen ist, geht mir gegen den Strich.

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