Liebe auf Distanz

Wir sitzen auf meinem Sofa, schweigen uns an. Er hat das Gespräch gesucht, ein Gespräch, das schon lange fällig war. Ich hatte es geahnt; seine Nachrichten waren die letzten Tage weniger und nichtssagender geworden. Sechshundert Kilometer sind sechshundert zu viel. Zwölf Stunden im Auto am Wochenende ist Stress pur. Auf Dauer kann das nicht funktionieren. Und es wird dauerhaft so bleiben, denn es gibt keine Chance, dass er irgendwann in den näheren Umkreis versetzt wird. „Willst du das auf Dauer? Eine Wochenendbeziehung?“, fragt er. „Du hast ja auch deine Hobbys und Freunde hier…“ Ich fange an zu weinen, denn ich habe eine beschissene Woche hinter mir. Ich war joggen gewesen, was in einem sehr langsamen Tempo gut geklappt hat. Die Quittung mit Herzrasen bekam ich am nächsten Tag. Mit dem Fahrrad einkaufen fahren? Über jede rote Ampel hatte ich mich gefreut! Ich bin noch lange nicht körperlich so belastbar wie ich es mir wünschen würde. Das macht mich psychisch fertig. Hobbys? Hab ich keine mehr. Ich schluchze. Es dauert eine Weile bis er mich in den Arm nimmt und mich tröstet.

Seine Hände sind eiskalt. Wie immer. Normalerweise stört mich das nicht. Heute friere ich als wenn seine Berührung jede Wärme aus meinem Körper zieht.

Irgendwann stehe ich auf um mir einen Kaffee zu machen, mich irgendworan festhalten zu können und mich zu wärmen. Als ich zurückkomme sehe ich, dass er auch weint. Na wenigstens geht es uns beiden schlecht. Ich halte die Kaffeetasse in meinen Händen und meine Finger werden allmählich wieder warm. „Möchtest du wirklich keinen Kaffee?“, frage ich. – „Nein, ich will nur eine Lösung finden“, sagt er und schluckt. Doch es gibt keine Lösung. Einzige Möglichkeit: ich ziehe zu ihm, doch das ist (noch) keine Option für mich. Insbesondere nicht, da ich nicht alle zwei Jahre umziehen möchte, immer wenn er mal wieder versetzt wird. Er verlangt das auch nicht. Er weiß, dass ich kein Stadtkind bin, dass ich in Berlin nicht glücklich werden könnte.

So schweigen wir uns weiter an, immer wieder laufen mir die Tränen über das Gesicht. Er hält mich im Arm und weint mit mir. Mittlerweile ist mir wieder kalt. Die Strickjacke, die ich übergezogen habe, wärmt mich kaum. Ich zittere. Im Radio läuft ganz passend „Revolverheld – Liebe auf Distanz“. Wie ich den Titel hasse! Wie passend es gerade ist… doch mir fehlt die Kraft um das Radio auszuschalten.

Wir schweigen uns weiterhin an bis er sagt, dass er bald fahren muss. Es hat geschneit und im Radio wird vor glatten Straßen gewarnt. Er schaut aus dem Fenster und dann auf mein Thermometer. Mittlerweile ist es zwar trocken, aber nur 3°C über Null. Er will fahren, bevor es wieder friert, sagt er und vergräbt das Gesicht in seinen Händen.  Irgendwann steht er auf, ich bleibe sitzen. Er drückt mir einen Kuss auf den Scheitel, ich schluchze und er nimmt mich wieder in den Arm. „Nicht mehr weinen…“. So sitzen wir da eine weitere Stunde.

Er geht ins Bad und ich in die Küche um mir einen Tee zu machen. Mittlerweile bin ich richtig durchgefroren. Meine Haut ist eiskalt, ich fühle mich wie tot. Er kommt zurück und drückt mich feste an sich. Der Zipper seiner Sweatjacke drückt sich schmerzhaft in meine Schläfe, doch es stört mich kaum. Er küsst mich auf die Stirn, immer wieder, bis sich schlussendlich doch noch unsere Münder treffen. „Bitte geh“, murmel ich. Er lässt mich los und ich höre noch, wie er seine Schuhe und Jacke nimmt und die Tür hinter sich schließt.

Und ich bin wieder allein.

40 Kommentare zu „Liebe auf Distanz

  1. Wenn du fühlst das es die Liebe deines Lebens ist, wenn du noch nie sowas empfunden hast wie für ihn… dann geh zu ihm. Wenn die Distanz so unerträglich ist, sei mutig. Wenn es nicht funktioniert, dann habt ihr es wenigstens probiert…. mein Herz und mich trennen 550 km… ich fühle so sehr mit dir!

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    1. Selbst wenn es mit uns funktioniert, würde es für mich bedeuten, alle zwei Jahre erneut umziehen, Arbeitgeber wechseln, soziale Kontakte knüpfen. Nie ein Zuhause haben. Mit Veränderungen komme ich nicht gut klar…

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  2. Wenn du fühlst das es die Liebe deines Lebens ist, wenn du noch nie sowas empfunden hast wie für ihn… dann geh zu ihm. Wenn die Distanz so unerträglich ist, sei mutig. Wenn es nicht funktioniert, dann habt ihr es wenigstens probiert…. mein Herz und mich trennen 550 km… ich fühle so sehr mit dir!

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  3. … und das noch zu so einem blöden Zeitpunkt, wo es Dir auch gesundheitlich nicht gut geht. Fühl Dich gedrückt und getröstet! Es werden wieder bessere Zeiten kommen!! Es scheint jetzt momentan ausweglos, aber das ist es nicht, Du wirst Deinen Weg finden, also nicht verzweifeln.

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      1. Das verstehe ich. Für jemanden, dem Sport so wichtig ist, ist das die Hölle. Du brauchst was Neues, womit Du Dich ablenken oder zumindest geistig auspowern kannst. Was mir hilft: Yoga, was kreatives, irgendwas mit den Händen, Keller aufräumen, Schränke ausmisten, Fotos sortieren, irgendwas.

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  4. Da drück ich Dich doch gleich auch mal 🙂

    Wenn Du glaubst, er ist die große Liebe Deines Lebens, dann hab Mut! Erobere die Welt – allein, damit Du es Dir hinterher nicht vorwerfen mußt es nicht getan zu haben. Und Euretwegen!
    Berlin, das sind zwei Jahre minus x, richtig? Vergehen auf Wolke 7 wie im Flug. Und weshalb muß er denn ein Leben lang Soldat bleiben? 😉

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    1. Berlin sind 2 Jahre plus X, dann geht’s woanders hin und alle zwei Jahre wieder ein Wechsel.Soldat ist er noch mindestens 12 Jahre. Das ist das, was er machen möchte. Er hat es im zivilen Berufsleben versucht, das war nicht sein Fall. Und ich in Berlin? Und alle zwei Jahre Wohnort- und Jobwechsel? Kann ich mir nicht vorstellen. Will ich mir nicht vorstellen.

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      1. Gar nicht. Alle Einheiten, wo er mit seiner Ausbildung (oder wie sich das nennt) arbeiten könnte, sind minimum 500km entfernt. Hier in der Nähe ist nichts. Sonst wäre das ja einfach 😉

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    1. So einfach ist es nicht. Er hat bereits in einem zivilen Beruf gearbeitet und gemerkt, dass ihm das nicht liegt. Ich weiß auch gar nicht, ob er so einfach kündigen könnte. Er ist noch bis 2031 verpflichtet. Sollte ich zu ihm ziehen, würde es für mich bedeuten, dass ich alle zwei Jahre (wenn er wieder versetzt wird) Arbeitgeber und Wohnort wechseln müsste. Immer wieder. Das wird nicht funktionieren.

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  5. Ach das ist doch scheiße (entschuldige den Ausdruck) 😥. Da geht es dir sowieso nicht so gut und dann das auch noch!!

    Du bist so ein lieber Mensch und ich drücke fest die Daumen, dass es dir sowohl körperlich als auch emotional ganz bald wieder besser geht!

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  6. Du hast doch gerade den Job gewechselt, und dich verbessert. In deinem Job geht es um Patienten, die kannst du überall gut behandeln. Wie oft siehst du deine Kollegen oder Chefs prozentual zu deiner Arbeitszeit? Die letzten Jahre war das doch eher ungut. Warum also nicht wechseln? Du hast doch ohnehin wechselnde Patienten, und dein Job wird überall gebraucht.
    Echte Freundschaften halten auch über Distanz. (zumindest eine Weile)

    Liebe ist das wichtigste .

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    1. Ich habe mir dazu tatsächlich Gedanken gemacht. Aber es würde wahrscheinlich darauf hinauslaufen, dass ich alle zwei Jahre – jedes mal wenn er versetzt wird – einen neuen Job suchen muss und einen neuen Wohnort. Man könnte nirgends wirklich zu Hause sein.
      Ja, die Patienten wechseln. Aber das schöne ist, dass sie auch wieder kommen, wenn sie zufrieden waren. Das sehe ich gerade jetzt durch den Arbeitgeberwechsel. Meine Dauerpatienten haben mir mir die Praxis gewechselt. Das sind 12(!!!) Patienten. Dadurch fühle ich mich in mener Arbeit bestätigt. Das würde durch einen ständigen Wohnort- und Arbeitswechsel wegfallen.

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  7. Ich habe jetzt zum zweiten Mal deinen Blog gelesen. Beim letzten Mal endete es beim Soldaten, deswegen war ich so froh, wie es danach für dich weiter ging.
    Ich bin in einer ähnlichen Situation (gewesen) und finde es daher wichtig mich mal zu melden.
    Meine Beziehung habe ich damals daran scheitern lassen, an der Distanz bzw. als Kleinstadtpflanze sich nicht in der großen Stadt wohlfühlen zu können.
    Nach 5 Jahren haben wir uns wieder gefunden. Die Situation ist dieselbe und dennoch eine ganz andere: ich würde mir die Chance nie wieder entgehen lassen, mit der Person, die ich liebe ein gemeinsames Leben zu haben. Zu sehr unterschätzt man, wenn man die richtige Person gefunden hat. Zu sehr wirkt es sich aus, auf Dauer einsam zu sein (ja trotz vieler Dates, Menschen um einen herum, das Gefühl angekommen zu sein, hat weniger mit einem Ort als mit einem richtigen Partner zu tun) und zu unwichtig sind die Variablen wie Job, Wohnort usw. wenn man jemanden an der Seite hat, mit dem es sich richtig und geborgen anfühlt. So klang es bei dir zuletzt…

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    1. Danke für deinen Kommentar. Es wäre ja nicht nur der eine Umzug für mich. Voraussichtlich wird er alle zwei Jahre versetzt. Also hieße das für mich alle zwei Jahre Wohnortwechsel, neuer Job etc. Nie irgendwo richtig ankommen. Ich weiß nicht, ob ich das könnte. Andererseits: andere Leute schaffen das ja auch.
      Allerdings habe ich das Gefühl, dass er mit dem Thema schon abgeschlossen hat. Zumindest meldet er sich bei mir nicht mehr. Aus den Augen, aus dem Sinn! Er ist sowieso sehr vernunftgeleitet und rational gesehen ist das die richtige Entscheidung. Andererseits habe ich so emotional wie am Wochenende noch nie erlebt… ach, ist alles schwierig.

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      1. Doch, natürlich. Aber er reagiert nicht. Dienstag morgens bzw nachts kam seine letzte Nachricht.
        Ich schreib später mal einen Beitrag dazu. Ist einfacher als über die Kommentare

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  8. Paris, 1. Mai 1977 (Alfred Andersch)

    sich an den händen fassen
    die augen zumachen
    und losrennen

    daran
    dass euch dieser wunsch überfällt
    erkennt ihr
    die ankunft der liebe

    dann
    dürft ihr nicht zögern

    fasst euch an den händen
    macht die augen zu
    rennt los

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  9. Das ist traurig und dann auch noch zu einer Zeit wo es dir sowieso nicht so gut geht und Weihnachten ist ja auch nahe gewesen ☹️
    Ich wüsste auch nicht was ich in dieser Situation machen würde. Weil auch alle zwei Jahre den Arbeitgeber wechseln wird nicht für immer klappen denke ich mal und in Lebenslauf sähe das auch nicht so gut aus.
    Aber so wirklich eine Lösung gibt es dafür wohl nicht. Ist es denn fest, dass er immer woanders stationiert werden muss? Warum kann er nicht an einem Ort bleiben?

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    1. Für sein Privatleben ist die berufliche Situation sicherlich nicht einfach und wird es auch nie sein, wenn sich da nichts ändert. Deswegen hatte ich ihm ja geschrieben, dass er mal herausfinden soll, was er beruflich eigentlich will. Da gibt es bestimmt Lösungen. Seine Kollegen sind ja in ähnlichen Situationen.
      Gemeldet hat er sich immer noch nicht. Klassischer Fall von Ghosting 😔

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  10. Hey,
    ich habe deinen Blog gerade entdeckt, denn ich bin ganz neu hier. Das was du da geschrieben hast, ist auch das was ich fühle. Eine Fernbeziehung ist anstrengen und kostet so viel Kraft. Der Moment wenn man sich sieht ist so super schön, doch kaum geht der andere wieder, zerbricht jedes Mal eine kleine Welt, in der man sich so verlassen fühlt.

    Ganz liebe Grüße,
    blogtharma

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