Der Soldat 2.0 – Das erste Treffen

Der echte Soldat 2.0 und ich verabredeten uns für einen Sonntagnachmittag auf einen Kaffee. Er wollte dazu in meinen Ort kommen. Da an dem Tag scheinbar wenig Verkehr auf den Straßen war, war er schon vor mir am verabredeten Treffpunkt. Ich sah ihn schon von weitem und mein erster Gedanke war: Krass, hat der lange Beine. Und der zweite: Hilfe, was ist er dünn. Gut, seine Größe von 1,93m war mir schon aus seinem Tinder-Profil bekannt. Aber auf den Fotos sah er irgendwie… breiter aus. Kräftiger, nicht dicker, sondern einfach mehr Mann. Aber so wie er da auf mich zukam schätzte ich ihn auf höchsten 80kg (mittlerweile weiß ich es genau: es sind 78kg). Aber wenigstens hatte er eine gute Körperspannung. Diese großen, dünnen Männer laufen meist krumm wie ein Fragezeichen durch die Gegend. Der Soldat 2.0 hingegen zeigte sich in seiner vollen Größe, stand aufrecht vor mir bis er mich mit einer festen Umarmung begrüßte. Wir gingen ins Café, nur um festzustellen, dass drinnen die meisten Tische reserviert waren und zudem ziemlich schlechte Luft war. Also setzten wir uns nach draußen, obwohl es recht frisch war – der Sommer hatte mal einen Tag Pause eingelegt. Ich bestellte einen Cappuccino und er einen großen Kaffee. Das hätte der falsche Soldat auch getan. Absoluter Kaffeetrinker. Mir fiel auf, dass 2.0 ziemlich gelbe Zähne hatte. Eine Folge des übermäßigen Kaffeekonsums.

Wir unterhielten uns viel über unsere Berufe. Er machte sich über meine Berufsbezeichnung bei Tinder lustig. Dort bin ich nämlich eine fiese Therapeutin. Und als genau diese durfte ich mich kurz darauf präsentieren. Denn einige ältere Leute kamen auf das Café zu, zwei davon wurden im Rollstuhl geschoben. Ich kannte beide Damen: zwei Schwestern, beide im Altenheim, eine davon war meine Patientin gewesen, bis ich wegen mangelnder Mitarbeit die Behandlung abbrach (ich kam immer ungelegen: entweder vor dem Essen oder nach dem Essen. Oder sie hatte gerade geschlafen oder noch nicht geschlafen. Oder, oder, oder.) Sie begrüßte mich: „Ach, Sie kenne ich doch. Ich weiß nur nicht woher.“ Ich grüßte zurück: „Ich habe Sie doch immer im Altenheim durch die Gegend gescheucht. Arme hoch, Beine hoch und so.“ „Ach stimmt“, grinste die alte Dame. „Ich konnte Sie nie leiden.“ – „Danke, das beruht auf Gegenseitigkeit“, gab ich zurück. Ihre Bekannten guckten uns sehr irritiert an. Sie lachte: „Aber wir hatten immer viel Spaß.“ Das ließ ich lieber unkommentiert und beobachtete stattdessen, wie die alte Dame sich aus dem Rollstuhl hochstemmte um die Türschwelle zu erklimmen. Eine Angestellte aus dem Café wies noch daraufhin, dass der Hintereingang ebenerdig sei, doch hier musste ich mich noch mal einmischen: „Nix da, das will ich sehen, das ist alles Training.“ Der Soldat 2.0 hatte das Geplänkel schweigend beobachtet, doch grinste mich jetzt an: „Jetzt verstehe ich das mit der fiesen Therapeutin.“

Wir unterhielten uns eine ganze Weile. Das Personal schien uns vergessen zu haben, weder für eine neue Bestellung noch für die Rechnung kam jemand zu uns. Als ich die Toilette aufsuchte, bezahlte ich im Anschluss unsere Getränke, was den echten Soldat überraschte. „Okay, dann müssen wir gleich noch was essen gehen.“

Wir liefen noch eine Runde durch den Park, durch die Innenstadt, was innerhalb kürzester Zeit abgehakt war. Kleinstadt eben. Und so landeten wir schnell im nächsten Café, wo wir noch eine Kleinigkeit aßen. Um 18.00 Uhr sagte der Soldat 2.0, dass er so langsam aufbrechen müsse. Immerhin müsse er ja noch ans andere Ende Deutschlands fahren in die Kaserne. Wir unterhielten uns noch einen Moment, dann bezahlte diesmal er die Rechnung, und er fragte mich noch mal nach der Uhrzeit. 19.05 Uhr! Er schaute mich total überrascht an. „Es war doch gerade erst 18 Uhr!“

Die Zeit war so schnell vergangen. Wahnsinn! Über vier Stunden hatte unser Date gedauert und zu keinem Zeitpunkt war die Zeit lang geworden. Es war ein schöner Nachmittag.

12 Kommentare zu „Der Soldat 2.0 – Das erste Treffen

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