Hättste mal was anderes gelernt

Hätte ich mal was anderes gelernt, dann würde ich jetzt vielleicht im Büro arbeiten oder als Lagerarbeiterin. Genau, als Lagerarbeiterin. Dann hätte ich mir Abitur und Studium sparen können. Trotzdem würde ich jetzt 2€ mehr pro Stunde verdienen. Andererseits hätte ich dann ständig Rückenschmerzen von der schlechten Haltung, bekäme aber keine Physiotherapie, weil kein Therapeut Termine frei hat. Hätte ich was anderes gelernt, wäre der Fachkräftemangel noch größer.

In meinem letzten Beitrag habe ich von der Demonstration der Heilmittelerbringer berichtet und von den Forderungen des Bund vereinter Therapeuten. Jetzt will ich euch mal was über den Arbeitsalltag erzählen; darüber berichten, was mir oft die Laune verhagelt; was ich damit meine, wenn ich sage, dass uns ständig Steine in den Weg gelegt werden.

Vor kurzem rief ein Patient in der Praxis an, weil er Rückenschmerzen hatte und Krankengymnastik brauchte. Ich gab ihm einen Termin bei mir. Beim ersten Termin stellte ich fest, dass dieser Patient noch eine neurologische Erkrankung hatte, nämlich Parkinson. Sein Arzt hatte die Krankengymnastikverordnung ausgestellt mit der Diagnose „Parkinson“ sowie des Heilmittels „Krankengymnastik ZNS nach Bobath“. Super, die Bobath-Ausbildung habe ich (noch) nicht. Also dürfte ich diesen Patienten gar nicht behandeln. Aber: Der Patient hat Rückenschmerzen, die – laut MRT – eine rein orthopädische Ursache haben. Das kann und darf ich behandeln. Aber ich bin ja weisungsgebunden, d.h. es MUSS Bobath gemacht werden. Natürlich könnte ich auch in Rücksprache mit dem Arzt das Rezept auf „normale“ KG ändern lassen, aber dann würde ich ja die Kompetenz des Halbgottes in Weiß anzweifeln. Außerdem darf der Arzt bei Rückenschmerzen maximal 3×6 Einheiten verordnen. Bei neurologischen Problemen sind da kaum Grenzen gesetzt. Aktuell behandle ich diesen Patient rein orthopädisch; sobald mein Kollege mit dem Bobathzertifikat aus dem Urlaub zurück ist, darf er weiterbehandeln. Wie und was er behandelt überlasse ich ihm 😉 aber er darf diesen Patienten mit dieser Verordnung zumindest behandeln. Nicht ganz regelkonform, aber was soll’s. -> ärgerlich, lästig, aber es gibt Schlimmeres.

Grundsätzlich haben wir es ständig mit falschen oder unverständlichen Diagnosen zu tun. LWS-Syndrom bedeutet, dass der Patient irgendwas an der Lendenwirbelsäule hat. Was da genau ist, muss ich selbst herausfinden. Manchmal hat der Patient schon eine genaue Diagnose: „Ich habe einen Bandscheibenvorfall. Steht das da nicht??“ Auch eine sehr schöne „Diagnose“ ist die Gelenkfunktionsstörung. Das kann so ziemlich alles sein: Eine Blockade in der Wirbelsäule, Arthrose oder gar ein Bruch. Im letzteren Fall ist die Funktion des Gelenkes natürlich so richtig gestört. Aber auch bei dieser „Diagnose“ muss ich selbst herausfinden, woran der Patient eigentlich leidet. Aber halt stopp! Ich bin Physiotherapeutin, ich darf nicht diagnostizieren. Das ist den Ärzten vorbehalten! Genau deswegen gibt es in Deutschland nicht den Direktzugang zur Physiotherapie, ganz im Gegensatz zu den meisten anderen europäischen Ländern. -> manchmal fühle ich mich in meiner Tätigkeit nicht genug anerkannt. Die Patienten schätzen mich (bzw. uns Therapeuten), aber die Gesetze, die Politik und die Krankenkassen tun dies nicht. Noch mal ein kleines Beispiel aus dem Alltag: Patientin mit ziehenden Schmerzen in beiden Armen, die Hände schlafen vor allem nachts regelmäßig ein. Brustkrebs beidseits in der Vorgeschichte. Der Arzt hat Manuelle Lymphdrainage (MLD) verordnet mit der Begründung, dass sicherlich die Schmerzen durch Schwellung in den Armen käme. Da ist aber keine Schwellung. Trotzdem habe ich MLD durchgeführt, was keine Linderung brachte. Dann habe ich – ganz heimlich natürlich, ich bin ja weisungsgebunden – mal den Nacken behandelt und siehe da: die Patientin hatte nachts keine Probleme mit den Händen. (Oh Gott, das klingt, als wenn ich mich gottweißwie in den Himmel loben will. Aber das sind so Situationen, wo es nervt, dass ich dem Patienten in dem Moment nicht helfen darf, weil ich ja tun muss, was verordnet wurde.)

Heilmittelverordnung

Der tägliche Wahnsinn der Rezeptkontrolle. Bescheuert hoch zehn! Der Arzt oder seine Angestellte stellt die Verordnung aus, macht einen Fehler, den ich zu bezahlen habe. Ich habe zu kontrollieren:

  • Ob der Name des Patienten stimmt. Ich habe es tatsächlich mal erlebt, dass ein Patient eine falsche Verordnung vom Arzt bekommen hat. Die war eigentlich für jemand anderes bestimmt. Ein Hoch auf den Datenschutz!
  • Ausstellungsdatum der Verordnung darf zu Behandlungsbeginn nicht mehr als 14 Tage zurückliegen, andernfalls neu ausstellen lassen
  • Handelt es sich tatsächlich um eine Erstverordnung (Punkt 4) oder müsste Folgeverordnung (5) angekreuzt sein? Passt das zum Indikationsschlüssel (1)? Z.B. beim Schlüssel WS1a darf der Arzt nur eine Verordnung mit maximal sechs Therapieeinheiten verordnen. Sollte er dennoch eine Folgeverordnung ausstellen und ich behandel den Patienten, da mir dieser Fehler nicht aufgefallen ist, habe ich umsonst gearbeitet. Das wird die Krankenkasse nicht bezahlen. Blöd gelaufen!
  • Natürlich muss das Heilmittel (2) und die Anzahlt der Behandlungen (3) vermerkt sein, zB 6x Krankengymnastik. Am Ende der Zeile ist ein Feld für die Frequenz pro Woche. Daran sollte man sich möglichst halten. Uns hat mal eine Krankenkasse die Bezahlung verweigert, weil wir nur einmal wöchentlich behandelt haben (wegen Urlaub, Feiertagen etc. war es anders nicht möglich), der Arzt aber zweimal wöchentlich verordnet hatte.
  • Neben (1) wird die Diagnose aufgeführt, also LWS-Syndrom oder so 😉 Darunter wird dann der sogenannte ICD-10-Code vermerkt, der die Diagnose spezifiziert. Zum Glück müssen wir den (noch) nicht auf Richtigkeit prüfen, das entsprechende Dokument dazu hat wohl über tausend Seiten. Wenn davon was fehlt, muss der Arzt die Verordnung korrigieren, andernfalls wird die Krankenkasse nicht bezahlen.
  • Stempel und Unterschrift vom Arzt müssen natürlich auch vorhanden sein.

Ach, ich könnte noch so viel mehr zum Thema Prüfpflicht schreiben. Warum überhaupt bekomme ich meine Arbeit nicht bezahlt, wenn der Arzt die Verordnung nicht korrekt ausstellt? Warum werde ich für seinen Fehler bestraft? Noch mal eine kleine Kuriosität aus dem Alltag: Patient mit Verordnung über 6x Krankengymnastische Übungen. Wurde nicht bezahlt, es gibt keine Abrechnungsposition für Krankengymnastische Übungen. Es heißt Krankengymnastik. Das riecht doch nach Schikane, oder? In der Regel bekommen wir die falsch ausgestellten Verordnungen zurück geschickt, damit wir sie beim Arzt ändern lassen und neu einreichen können. Diesen Papierkram macht man dann „mal eben“ in der Pause oder ich an meinem freien Vormittag, wenn ich Zeit habe, zum Arzt zu fahren.

Und eigentlich gehört sowas ja mit rein in die 15 Minuten Behandlungszeit…

Ganz kurz zum Thema Selbstständigkeit: Noch scheue ich den Gang dorthin. Zu viel Papierkram, das liegt mir nicht. Zu viele Hürden, die zuvor zu nehmen sind. Schon alleine die Voraussetzungen um die Kassenzulassung zu bekommen (kann hier nachgelesen werden). Mein Chef wird in 1-8 Jahren in Rente gehen, ich soll den Laden übernehmen. Vielleicht tu ich das sogar. Aber dafür müssen noch viele Dinge geklärt werden.

 

Das waren bei mir die Aufreger der letzten Tage. Und ich könnte noch viel mehr schreiben. Gerne dürft ihr die Petition zur Verbesserung der Situation der Heilmittelerbringer unterstützen.

Nicht einen Beruf, sondern eine Berufung haben.

 unbekannt

17 Kommentare zu „Hättste mal was anderes gelernt

    1. Genau darum geht es mir: Das Bewusstsein für die Situation der Heilmittelerbringer schärfen. Gestern noch habe ich 2x mit Patienten diskutieren müssen, dass ich erst in zwei Wochen Termine frei habe (was recht zeitnah ist) und dann auch nur 1x wöchentlich behandeln kann. „Welch eine Frechheit! Der Arzt hat aber 2x wöchentlich verordnet! Ich habe Schmerzen!“ Ohne Worte…

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    1. Nein, ich will es SO nicht bis zur Rente machen. Und alle anderen Therapeuten auch nicht. Deswegen gibt es aktuell die ganzen Protestaktionen. Umschulen will ich nicht, denn ich mag die Arbeit am Patienten. Weiterbildung? Ständig und fortlaufend. Bring finanziell nur wenig, wie bereits im letzten Beitrag berichtet.

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      1. Das geht natürlich nicht von heute auf morgen. Aber es tut sich was. Die Vergütung der therapien wird derzeit schrittweise um 30% erhöht (was augenwischerei ist, denn die letzten jahre lagen die anhebungen immer unterhalb der Inflationsrate). Jens Spahn hat zugesichert, soch noch vor der Sommerpause mit den Berufsverbänden zusammenzusetzen. Die FDP fordert Schulgeldfreiheit. Die Situation der Therapeuten wird in der Politik diskutiert (Danke an Dr. Roy Kühne) und wir sind zunehmend in den Medien präsent. Das ist ein Anfang!

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  1. Ich habe – als Patientin – auch schon festgestellt, dass Rezepte, Verordnungen und Atteste gerne mal fehlerhaft sind. Ich prüfe meine Rezepte daher in der Regel, Google auch mal (zumindest das!) die Bezeichnung, die hinter der ICD-10-Nummer steht. Das aber täglich vielfach bei jedem Patienten zu machen, das nervt. Allgemein sind Knappheiten vieler wichtiger Therapeuten (physisch wie mental) ein Riesenproblem, das mit den Bedingungen zu tun hat, unter denen – ich schreib es mal so doof – Ihr arbeiten müsst.

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  2. Hallo,
    ein sehr guter Text, der mir stellenweise aus dem Herzen sprach.
    Ich mache aktuell eine Weiterbildung zur Präventionsberaterin/Gesundheitscoach. Immer wieder werden mir Handlungsweisen und Reaktionsmöglichkeiten untersagt, für die keine ärztliche Bildung benötigte, weil es schlicht und ergreifend patientenspezifisch ist, ich es aber nicht darf, denn ich darf nur beraten. So wie bei dir, ist die Grenze zwischen heilen und helfen sehr minimal.
    Als ich deine Einleitung laß, dachte ich erst, du bist wirklich ungelernt.
    Ich liebe meine Tätigkeit trotz Hindernisse und wenig Einkommen. Für mich ist das was ich tue eine Berufung.
    Alles Liebe und starke Nerven in unserem maroden Gesundheitssystem.
    Viele Grüße
    Michaela

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    1. Danke fürs Lesen. In der Einleitung beziehen ich mich vor allem auf die Kommentare des Beitrags über die Demonstration.
      Ich liebe auch meinen Beruf/meine Berufung, ich wüsste nicht, was ich sonst machen wollte. Aber es nervt einfach, das ich nicht so arbeiten darf, wie es dem Patienten nutzt.
      Lieben Gruß 🙂

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  3. Sehr schöner Beitrag und ich finde es gut mal so einen Einblick „hinter die Kulissen“ zu bekommen. Als PAtient hat man evtl. nicht immer unbedingt Verständnis… Solch ein Beitrag hilft vielleicht.
    Danke dir für den Einblick in deinen Berufsalltag 🙂

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  4. Hättest du was anderes gelernt, würdest du täglich jammern, dass du dir nicht deinen Berufswunsch erfüllt hättest und würdest dir irgendwelche Wege überlegen, doch noch zu dem Ziel zu kommen. In 50 Jahren dann würdest du sagen ‚Ach hätte ich doch…‘ von daher: alles gut.
    Andererseits kommt vielleicht die Zeit, da steigt die Verärgerung über den formalen Zwang überproportional an. Wer weiß das schon…
    Den Laden übernehmen? Why Not? Es ist eine Option.
    Grüße!

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