Demonstration der Heilmittelerbringer

Am 26. Mai war ich in Köln. Dort fand eine Demonstration statt. Der Bund vereinter Therapeuten (BvT) hatte diese organisiert um auf die schlechten Arbeitsbedingungen der Heilmittelerbringer aufmerksam zu machen.  Ihr wisst ja, dass ich Physiotherapeutin bin und da ich schätzungsweise noch 35 Jahre arbeiten muss, muss sich etwas an der Situation der Therapeuten ändern. Andernfalls werde ich wohl nicht bis zur Rente in diesem Beruf arbeiten.

Nicht nur bei den Physios sieht es schwarz aus was Bezahlung, Nachwuchs etc. betrifft. Auch die anderen Therapeuten haben Probleme (offiziell werden wir übrigens als Hilfsheilmittel bezeichnet). Der BvT  vertritt ebenso die Interessen der Ergotherapeuten, Logopäden, Masseure und Podologen.

In erster Linie wird natürlich eine bessere Vergütung gefordert. Besser im Sinne von höher, versteht sich 😉 Das bedeutet konkret: 90€ pro Stunde! Aktuell liegt der Umsatz pro Stunde ca. bei 50€, vorausgesetzt es wird im 20min-Takt behandelt, also drei Patienten pro Stunde. Die Höhe der Vergütung unterscheidet sich im Übrigen je nach Krankenkasse, Bundesland und Therapie. Wenn ich allerdings  andere Therapieformen erbringe, z.B. manuelle Lymphdrainage (MLD), dann erwirtschafte ich weniger als bei einer „normalen“ krankengymnstischen Behandlung. Für eine Stunde MLD zahlen die Krankenkassen ca. 45€. Der Witz an der Sache ist: MLD kann ich nur anbieten, wenn ich zuvor die Fortbildung absolivert habe. Kostenpunkt ca. 2000€ und vier Wochen Verdienstausfall, denn so lange dauert die Fortbildung. Ich bin also besser qualifiziert und erwirtschafte weniger Geld. Gibt es das in anderen Branchen auch?

Es gibt auch Fortbilungen, die sich finanziell lohnen, wie z.B. die Manuelle Therapie (MT). Hier bekomme ich pro Behandlung etwa 2€ mehr, vorausgesetzt der Arzt verordnet auch MT. Geschieht verhältnismäßig selten. Dafür habe ich eine Weiterbildung gemacht, die meinen Arbeitgeber 4000€ gekostet hat und mich 20 Urlaubstage/10 Tage pro Jahr. Also muss ich erst mal 2000 MT-Behandlungen durchführen, damit sich das Zertifikat rentiert. Meine Prüfung liegt jetzt 3 Jahre zurück und ich bezweifel stark, dass ich die Kosten „schon“ herausgearbeitet habe. (Es ist übrigens nicht selbstverständlich, dass der Arbeitgeber die Fobi’s bezahlt.)

Der BvT fordert weiter einen Sitz im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA). Im G-BA sitzen bisher Ärzte, Zahnärzte, Psychotherapeuten und Vertreter der Krankenkassen. Diese legen fest, welche Leistungen von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden. Sie bestimme also auch über unsere Arbeit – warum dürfen wir dann nicht mitreden? Das muss sich ändern!

Der BvT möchte außerdem die Berufsverbände der Therapeuten dazu bringen, dass sie mehr zusammenarbeiten um eine starke Lobby zu bilden. Alleine für die Physios gibt es reichlich Berufsverbände, spontan fallen mir ifk, ZVK, VPT und natürlich der BvT ein. Gefühlt arbeiten die alle gegeneinander. Bei der Demo am Samstag hätte man Geschlossenheit demonstrieren können. Neben dem BvT als Organisator war nur der VDB für die Physios da – alle anderen Verbände saßen heulend zu Hause, weil keiner bittebitte gemacht hat, damit sie mitmachen. Sie hätten sich ja auch von selbst engagieren können, zumindest der VDB hat das geschafft.

Wichtig ist auch, dass die Behandlungszeit nicht mit Bürokratie ausgefüllt wird. In der Regel wird im 20min-Takt gearbeitet, manche Therapeuten haben tatsächlich noch eine 30min-Taktung, doch das ist wirtschaftlich nicht rentabel. Eigentlich logisch, oder? Die Mindestbehandlungsdauer, welche durch die Krankenkassen vorgegeben ist, ist 15min! In diesen 15min müssen Termine vereinbart werden, die gesetzliche Zuzahlung einkassiert werden, der Patient muss sich ggf. aus- bzw. wieder anziehen, ich muss einen Befund erstellen, den Patient über sein Krankheitsbild aufklären und letztendlich naütrlich die Behandlung durchführen. In 15min ist das nicht möglich, deswegen behandeln wir 20min. Und selbst das reicht nicht. Achja, Therapieberichte müssen wir ja auch noch schreiben, damit der Arzt ggf. eine weitere Verordnung für den Patienten ausstellt. Aber zumindest bekommen wir die Berichte vergütet. Dafür gibt es ganze 70ct! In Worten: Siebzig Cent!!!

Damit der Fachkräftemangel behoben wird, muss die Ausbildung attraktiver gestaltet werden. Tjaaaa, wer will denn heutzutage noch eine schulische Ausbildung machen und dafür 15000€ bezahlen?! Ich lass das mal so stehen.

Die letzte Forderung des BvT’s ist Verordnungsfreiheit für die Ärzte. Da hat wohl schon jeder Patient am Quartalsende die Erfahrung gemacht: „Sorry, kein Budget mehr.“ Für eine adäquate Versorgung muss das Regelleistungsvolumen abgeschafft werden.

Das sind die Forderungen des BvT, der übrigens auch von Dr. Roy Kühne unterstützt wird, CDU-Politiker und Physiotherapeut. Ich könnte stundenlang weiterschreiben und über den alltäglichen Wahnsinn berichten.

Stattdessen möchte ich noch kurz auf Tim Maller hinweisen, der die Aktion #ohnemeinenphysiotherapeuten ins Leben rief. Eine weitere Aktion hat Heiko Schneider gestartet; er ist nämlich gerade mit dem Fahrrad auf dem Weg von Frankfurt nach Berlin und will die Anliegen der Therapeuten ins Gesundheitsministerium bringen. Das ist die sogenannte #tourdespahn.

Wir haben noch einen weiten Weg zu gehen bis sich etwas ändert. Die Pflegekräfte haben es vorgemacht, fast täglich sind sie in den Medien und der Druck auf die Politik wächst. Jetzt müssen wir es schaffen, dass über uns Therapeuten gesprochen wird. Die Kölner haben uns gesehen und gehört, der WDR hat uns in der Aktuellen Stunde zumindest 45sec eingeräumt und auch 1live hat kurz berichtet. Das ist ein guter Schritt in die richtige Richtung, wir müssen nur weiter machen.

Quellen: https://www.kvberlin.de/20praxis/50verordnung/20heilmittel/hm_verguetung/verguetung_physio.pdf, https://www.g-ba.de/, https://ohne-physios.de/, http://www.aok-gesundheitspartner.de/imperia/md/gpp/bln/heilberufe/vertraege/physiotherapie/bln_heil_pt_anl02_leistungsbeschreibung.pdf, http://therapeuten-am-limit.de/

 

 

16 Kommentare zu „Demonstration der Heilmittelerbringer

    1. Das ändert aber nichts an der Situation hier in Deutschland. Ganz im Gegenteil: gerade weil im Ausland mehr gezahlt wird, wandern viele Physios aus. Deswegen haben wir ja hier den Fachkräftemangel. Hamburg ist übrigens das einzige Bundesland, wo noch genug Physios sind, wenn man den Statistiken glauben darf.

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      1. Ich glaube nicht, dass deutsche Physios abwandern, sondern es lernen einfach zu wenige diesen Job.

        Warum lernst du so etwas, wenn du weisst, das dort so bescheiden bezahlt wird?

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      2. Immer dieses dämliche Argument. Ohne die Streikkultur im Ausland unbedingt besser zu finden, aber das ist, ohne dich persönlich angreifen zu wollen, so typisch deutsch. „Jammer nicht, mach ne Ausbildung mit besseren Chancen…“ Wenn alle nur noch das lernen/machen, was gut bezahlt ist, braucht sich niemand wundern, dass Berufsgruppen aussterben oder mit Nachwuchssorgen zu kämpfen haben. Gibt doch so schon genug z.b Hochschulabsolventen, die keine qualifizierte Anstellung finden und völlig fachfremd jobben.
        Außerdem liegt nicht jedem das, was vermeintlich gut bezahlt wird.

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      3. Hochschulabsolventen, die keine qualifizierte Anstellung finden, haben eben auf das falsche Pferd gesetzt, so einfach ist das. In den Schulen wird 10-12 Jahre trainiert, wie man sich verwirklicht, aber nicht, wie man simple Trends erkennt und sich richtig entscheidet.

        Das in Deutschland Physios und alles, was Kranken- und Altenpfelge angeht, so schlecht bezahlt wird, ist politisch so entwickelt, nämlich nach dem Sozialprinzip. Das ist das, was Deutschland gewählt und entwickelt hat. Jeder zahlt für alle und alle bedienen sich. Wundert dich noch etwas ?

        Wer sagt denn, dass dieser durchaus sozialistische Ansatz richtig ist ?

        Übrigens ist die Ausbildung eines US Physios nicht vergleichbar mit dem rudimentären Physio in Deutschland. Nur so nebenbei. Das Geld fällt dort auch nicht vom Himmel.

        Berufsgruppen sterben aus, weil alle durch’s Abi gepresst werden und auf einen likrativen Job hoffen. Die Wirtschaft braucht diese Menge Akademiker aber nicht, sondern das Handwerk. Das sind die kommenden Millionäre. Es ist nur eine Frage der Zeit. Wenn du daran zweifelst, schau dir einfach mal Kuba an.

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      4. Natürlich ist das Hauptproblem, dass die Zahl der Auszubildenen zurück geht. Noch schlimmer ist, dass jeder vierte Physio aus dem Beruf aussteigt (http://news.doccheck.com/de/189697/berufsflucht-kein-bock-auf-physio/?tag_id=16902&context=post_tag). Dann gibt es diejenigen, die ins Ausland auswandern oder nur noch Privatpatienten nehmen. Für die Patienten ergibt das wochelange Wartezeiten auf einen Termin. Achja, so eine Verordnung ist nur zwei Wochen gültig. Die muss dann erstmal geändert werden.

        Die Physiotherapie ist ein schöner Beruf. Von den meisten Patienten bekommt man viel Dankbarkeit zurück. Darum mache ich diesen Beruf – ich habe Spaß daran. Aber der ewige Zeitdruck und die Bürokratie, welche teils absurde Züge annimmt, macht mich mürbe.

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      5. Die Zahl der Auszubildenden geht zurück, weil
        1. es zu viele Abiturienten gibt
        2. von Realschule und Hauptschule meist nur Bratzen abgehen, die die Ausbildung nicht schaffen.
        3. die meisten keinen Durchhaltewillen mehr haben
        4. Die Arbeit anstrengend ist
        5. Die Verdienstmöglichkeiten bescheiden sind.

        Natürlich wandern viele ab oder nehmen nur noch PV Patienten. Willkommen im Club, würden die niedergelassenen Ärzte sagen. Arbeit muss nicht nur Spass machen, sondern soll auch Knete bringen. Wer ist schon wirtschaftlich unabhängig und arbeitet aus reiner Überzeugung ?

        Das Problem ist die Politik und die soziale Hängematte in den Sozialsystemen.

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  1. Ohmann, am meisten regen mich ja ein paar Kommentare hier drunter auf, ganz nach dem Motto: selbst schuld, wenn du dich dafür entschieden hast. Leider wird man ja immer noch viel zu oft dafür verurteilt, wenn man sich aus Interesse und Leidenschaft für einen weniger gut bezahlten Beruf entscheidet – dabei gibt es unheimlich viele Berufe, die viel zu schlecht bezahlt bzw. einfach nicht angemessen bezahlt werden. Aber soll man dann lieber BWL studieren oder sonstwas, nur um ordentlich zu verdienen? Obwohl man jeden Morgen mit Widerwillen zur Arbeit fährt.
    Am besten wir werden alle Infuencer und sparen uns Ausbildung und Studium komplett😂.
    Aber danke dir, dass du auf das Thema aufmerksam machst! Ich wusste ehrlich gesagt gar nicht, wie Physiotherapeuten bezahlt werden. Ich hoffe sehr, dass bald mal ein Umdenken stattfindet! Liebe Grüße ☺

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  2. Ich drück dir die Daumen, dass es besser wird.
    Und wenn ich so zurückdenke, wieviele gehypte Berufe sind vielleicht doch nicht krisensicher und wieviele krisengeschüttelte Berufe haben heute keinen Nachwuchs, da diese immer schlecht geredet wurden.
    Die Ursachen sind da sicher vielfältig und in drei Kommentaren sicherlich nicht herauszuarbeiten.
    Und man sollte sich klarmachen, dass man Jahrzehnte mit dieser Wahl leben muss, so ein wenig Freude an der Tätigkeit sollte da schon dabei sein. Dient auch dem inneren Gleichgewicht, der Lebensfreude und der Gesundheit. Die Begleiterscheinungen (Formales, Dokumentation, nervige Menschen, Gesetze) gibt es übrigens in jedem Beruf..
    Schöne Grüße und lauf den Kopf frei.

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    1. Versteh mich nicht falsch, ich liebe meinen Beruf 😉 nur bekommt man von allen seiten Steine in den Weg gelegt, sodass es kaum möglich ist, effektiv zu arbeiten. Vom Finanziellen mal ganz abgesehen. Ich denke, dass ich dazu noch einen gesonderten Beitrag schreiben werde…
      Ich hab gestern noch 18km gemacht 😉 keep on running!

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      1. Nene, ich glaub ich versteh dich richtig. Die „Steine“ nenne ich „Begleiterscheinungen“, die einen häufig den Kopf schütteln lassen. Im Übrigen bricht deine Leidenschaft eher aus deinen Berufsepisoden raus als aus deinem Liebesleben, wenn ich das mal so sagen darf… Also da hab ich schon den Eindruck, du machst das was du willst und das ist doch erstmal super. Den Rest muss man oder frau eben passend machen…
        Ist die Zeit nicht gut genug, sich selbständig zu machen? Evtl. auch mit jemand anderem?
        Ansonsten gestern: 22k, aber gaaaanz laanggsaaahmmm…. immerhin… einen Halben trau ich mir wieder zu
        🙂

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