Familienfeier

Meine Mutter hatte Geburtstag. Einen runden Geburtstag. Sie hat groß gefeiert mit der ganzen Sippschaft, Freunden und Nachbarn. Ich habe mich gefreut auf den Abend. Ich sehe meine Verwandtschaft nicht so oft und wenn dann eher zum typischen Familien-Kaffee. Also spießig. Ohne Alkohol.

Auch die Nachbarn meiner Eltern – also meine früheren Nachbarn – sehe ich nur noch selten. Und die Freundinnen meiner Mutter… naja, dasselbe halt. Ich fand es interessant, wie sich alle verändert haben, älter geworden sind. Wie erwachsen meine Cousins geworden sind. Und groß! Mein Gott, ich glaube, die sind alle zwei Meter groß. Okay, ich habe die alle an Weihnachten oder so noch gesehen, aber da haben wir am Kaffeetisch gesessen. Oder letzten Sommer habe ich sie auf jeden Fall auch noch gesehen auf einer Feier. Ich schwöre, dass die alle seitdem noch einen Meter gewachsen sind. Wahnsinn. Auf dem Dorf tun die den Kinder bestimmt irgendwas ins Trinkwasser. Oder ins Bier.

Nach dem Essen sprach mich eine ältere Frau an. Da sie am Tisch des „Strickclubs“ saß, gehe ich davon aus, dass sie zum Strickclub gehörte. Logisch, oder? Ich kannte sie zumindest nicht. „Ach, wie schön dich mal wiederzusehen“, sagte sie. „Kennst du mich noch? Wir waren früher mal zusammen auf dem Spielplatz. Das war immer so schön. (…) Wie geht es dir denn so? Bist du verheiratet? Hast du einen Partner? Und Kinder?“ An diesem Punkt frage ich mich, was meine Mutter ihren Freunden eigentlich von ihrer Familie erzählt.  Wenn sie Oma geworden wäre, wüssten ihre Freunde das doch bestimmt. Also verneinte ich. Große Augen schauten mich unter den grauen Haaren an. „Niiiicht? Warum hast du denn keinen Partner?“ – „Hab noch nicht den Passenden gefunden.“ Was für eine dämliche Frage. Mit einer gemurmelten Entschuldigung ergriff ich die Flucht.

Wenig später unterhielt ich mich mit einer früheren Nachbarin. „Du, jetzt musst du mir erst mal zeigen, wo denn dein Bruder ist. Dich habe ich ja sofort wieder erkannt, aber deinen Bruder habe ich den ganzen Abend noch nicht gesehen.“ Ich zeigte ihr meinen Bruder: „Da vorne, der junge Mann mit der Kamera.“ „Aaaach“, sagte sie. „Ich dachte, dass das dein Freund ist. (Innerliches Augenverdrehen meinerseits) Hast du denn einen Partner? Warum ist der heute nicht hier?“ Auf mein „Nein“ kam dann natürlich die interessierte Frage nach dem Warum. Es juckte mich, die Nachbarin zu fragen, warum denn ihr (Ex-) Mann nicht da war; stattdessen erwiderte ich etwas Unverbindliches.

Meine Mutter erzählte mir heute, dass sie auf der Feier von einer ihrer Freundinnen angesprochen wurde, wie gut ich denn aussäh. Dass ich mich zu einer gutaussehenden Frau entwickelt habe. Meine Mutter wollte mir sicher damit eine Freude machen, indem sie mir von dem Kompliment erzählte. Das hat nicht funktioniert. Heute bin ich emotional labil, ich bin schlecht gelaunt und fühle mich traurig. Es freut mich zu hören, dass ich gut aussehe. Trotzdem will mich keiner. Dann muss ich wohl ein charakterliches Defizit haben, wenn es an der Optik nicht liegt.

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14 Kommentare zu „Familienfeier

  1. Das ist scheiße – ich versteh dich! Omas und ältere Leute meinen das nicht böse, sie wollen einfach nur, dass jeder Topf seinen Deckel findet, weil das bei ihnen doch recht schnell passiert ist (zumindest war das bei meinen Großeltern so). Ich könnte jetzt „Kopf hoch“ sagen oder sonst eine Floskel, die man in solchen Situationen sagt…tu ich aber nicht :). Hab eine super Woche!!!

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  2. Urgh, ist ja auch das Wichtigste im Leben, dass man einen Partner hat *augenroll* Hat mir in Single-Zeiten aber auch immer einen Stich versetzt und die Frage nach dem ‚Warum‘ finde ich unverschämt. Was soll man denn da antworten?
    Lass dich nicht runterziehen, die Such nach dem/der Richtigen verläuft für die wenigsten Leute schnurgerade, an dir liegt es bestimmt nicht!!

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  3. Geburtstagsfeier meiner Schwiegermutter. Sie holt ihre beste Freundin heran, zeigt (auf den Welpen) hinter mir und quietscht irgendwas. Die Freundin springt vor, fasst mir an den Bauch und kreischt „GABI!!! ENDLICH!!!“
    Und auch wenn man „Finger weg, Du übergriffige Hexe!“ schreien will, was nützt es? Ich hab sie stehen lassen und das solltest Du auch mit solchen Empathielegastenikern!

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