Tinder – Der Ingenieurs-Student

Ich hab’s wieder getan – ich habe wieder getindert. Die meisten Chats gingen mir schon nach kurzer Zeit auf den Keks: Hi, wie geht’s? – Gut und selbst? – Auch gut. Was machst du, woher kommst du, blablabla. Immer wieder dasselbe und oft läuft das dann ins Leere. Warum? 1. Grottenschlechte Rechtschreibung; etwas, das ich verabscheue. 2. Seltendämliche Fragen: beschreib mal, wie du aussiehst. Ey Junge, schau dir die Bilder an. 3. Die Männer sind nur auf Sex aus. Oder, oder, oder.

Doch ein Match war anders. Schon auf den Bildern sah er sympathisch aus; ein Spaßvogel, der auf allen Bildern lustige Grimassen zog. Es entwickelte sich ein lustiges Gespräch über die Sonntag-Morgen-Expedition vom Bett ins Bad und zurück. War ich dabei wilden Tieren begegnet? Hatte ich am Lagerfeuer darüber zu berichten? Na gut, ein wenig albern war es schon. Aber eindeutig mal was anderes als das übliche „Hi, wie geht’s? – Gut und dir?“. Wir klärten bald darauf die großen W-Fragen ( er wohnte in der Nachbarstadt, war vor ein paar Monaten fürs Studium hergezogen) und schnell war das Date ausgemacht.

Wir trafen uns am Samstag in seiner Stadt. Das war mir lieber so. Auf einem Samstagabend in meiner Kleinstadt würde ich bestimmt dem ein oder anderen Bekannten über den Weg laufen und darauf hatte ich echt keine Lust 😉 Obwohl wir uns auf einem belebten Platz vorm Einkaufszentrum trafen, erkannten wir uns sofort. Der Ingenieur begrüßte mich mit einer Umarmung und wir gingen zusammen zu einem Café. Er ging vor mir durch die Eingangstür – nicht so ganz gentlemen-like. Es war mega-voll und laut. Mit viel Glück bekamen wir noch einen Tisch und wir mussten uns dicht zusammen setzen um uns überhaupt verstehen zu können.

Wir redeten über alles Mögliche. Über die Arbeit, sein Ingenieurs-Studium, Familie, Weihnachten, Sport, Musik. Das Übliche halt, worüber man sich mit einem fremden Mann unterhält, wenn man sich gerade kennenlernt. Er hatte dabei immer einen humorvollen Unterton. Das mochte ich total. Als er mir erzählte, dass er gerne Podcasts zum Einschlafen hört, grinste ich: „Ich erzähl lieber nicht, was ich zum Einschlafen höre.“ – „Benjamin Blümchen? Harry Potter“, riet er. Fast! Es ist tatsächlich Bibi Blocksberg. „Du, was ich mich schon immer gefragte habe“, begann er. „Bibi hatte doch mal einen Bruder. Was ist aus dem eigentlich geworden?“ Jaja, Boris Blocksberg. Folge 9 war es, glaube ich. Da muss er zu seinen Großeltern an die See wegen Atemwegsbeschwerden, oder so. Ich muss die Folge mal wieder hören. Der Ingenieur machte sich aber absolut nicht lustig über mein Einschlaf-Ritual. Stattdessen wollte er mit mir den Lebenslauf von Boris Blocksberg neu schreiben. Vermutlich war dieser zum Psychopathen und Massenmörder geworden, weil seine Familie ihn verstoßen hatte.

Nach drei Stunden wurde es uns in dem Lokal zu laut. Er schlug vor, irgendwohin zu gehen, wo es ruhiger war. Stattdessen brachte er mich dann zu meinem Auto. War das ein Korb? Ich war etwas irritiert. Er verabschiedete mich mit einer Umarmung und den Worten „Hey, das war echt nett mit dir“ und dann fuhr ich nach Hause. Ja, nett. Nett ist die kleine Schwester von Sch***. Geknistert hat es nicht wirklich, wir haben nicht mal wirklich geflirtet, aber ich hatte auf jeden Fall Spaß und habe viel gelacht (sehr viel mehr als bei allen Dates zusammen mit dem Tennisspieler).

21 Kommentare zu „Tinder – Der Ingenieurs-Student

  1. Ach, du bist viel zu …(?)… analytisch… und zu retro. Der Mann muss … soll… und ich bin die Maid, die vom Drachen gerettet werden will…. Das nächste Mal gehst du voran und hältst ihm die Tür auf. Wir leben im 21. Jahrhundert.
    Sich dir’s aus, er hat das Date beendet, weil:
    – Selbstschutz, weil er kurz davor war, sinnlos über dich herzufallen
    – er hatte ein zweites Date im Anschluss
    – er hat jemanden gesehen, also ihm ist das passiert, was du vermieden hast
    – du warst doof / langweilig / spießig / kindisch / besserwisserisch / hast ihn an seine Grundschullehrerin erinnert
    – er ist selbst ein Analytiker und Taktierer und testet dein Interesse, sprich: er hat den Spieß umgedreht und wartet mal ab.
    – er hat gezahlt und du bist ihm zu teuer
    Und wie gehts weiter? Ich wüsste wie. Frag ihn doch, wie weit er mit dem Lebenslauf gekommen ist.
    Oder besser: schreib selbst eine Variante und schick sie ihm. Er ist Ing-student, sein Hirn rattert ständig. Zahnräder und so, empfindliche Mechanik.
    Wie wohl sein Text aussehen würde?
    „Wir redeten über alles Mögliche. Über ihre Arbeit, mein Ingenieurs-Studium, Autos, Familienfeste, Sport, Konzerte. Das Übliche halt, worüber man sich mit einer fremden Frau unterhält, wenn man sich gerade kennenlernt und das Kennenlernen nicht durch schlüpfrige Kommentare stören will. Sie war doch sehr überrascht über meinen Unterton, ich weiß das ja, vielleicht hat sie es gestört. Ich hab ihr erzählt, dass ich gerne Podcasts zum Einschlafen höre, da grinste sie und gestand Bibi Blocksberg zu hören. Wie gut dass ich von Bibis Bruder wusste und wir phantasierten herum, was wohl aus ihm geworden ist. Naja, irgendwann zogen wir weiter, ich war mir nicht sicher, ob ich sie nervte und brachte sie zu ihrem Auto. Ich Blödmann. Aber ich konnte nicht anders. Ich glaub sie meldet sich nicht mehr, sie hat schon ein wenig komisch geschaut.“
    😉

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    1. 😀 Das mit dem Tür-Aufhalten scheint hier ja ein heißer Diskussionspunkt zu werden. Mich hat das nur so irritiert. Selbst wenn ich vor einer fremden Person durch eine Tür trete, dann halte ich die Tür doch einen Moment auf, bzw. warte bis derjenige selbst die Tür „entgegennimmt“ (ich weiß nicht, wie ich das am besten beschreiben soll). Aber er ist einfach durch die Tür durch ohne einen Blick zurück.

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      1. Da hast du natürlich nicht unrecht. Wenn ich so drüber nachdenke, würde ich sogar sagen, dass dies funktionierende Automatismen sein sollten. Und wenn ich weiter nachdenke, dann war ich selbst früher auch ein wenig stoffeliger 🙃 . Stellt sich die Frage, ob Lernpotenzial vorhanden ist.
        Viele Grüße (über die Fortsetzung denke ich noch nach…)
        😎

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      2. Für Somi.

        Boris Blocksberg saß im Zug, auf dem Weg zu seinen Großeltern an die Nordsee. Atemwegsbeschwerden! Alle hatten ihm das abgenommen, und endlich war er seiner nervtötenden Schwester Bibi entkommen. Bibi Oberschlaumeier, Bibi Allesgut, Bibi Ganzargtoll. Bibi Furchtbar. Er starrte aus dem Zug hinaus, sah die gelben Felder der Lüneburger Heide an sich vorbeiziehen und schreckte auf, als er die Durchsage hörte: „Dieser Zug endet hier. Bitte alle aussteigen“.
        Er musste eingeschlafen sein und war nun ganz entspannt, als er ausstieg. Bei seinen Großeltern angekommen und von ihnen mit frischer selbstgemachter Pizza begrüßt, war er am Abend voller Tatendrang und ging direkten Weges zum Strand. So saß er da und schaute dem Sonnenuntergang zu.
        Doch plötzlich hörte er hinter sich laute Schritte, nein, eher ein Trampeln und er traute seinen Augen kaum, was er da sah: ein Elefantenmädchen bewegte sich direkt auf ihn zu, sprach ihn an: „Was ein wunderschöner Sonnenuntergang, nicht wahr?“ „Ich bin Bernadette, Bernadette Blümchen. Und wer bist du?“ Boris nannte seinen Namen und um nicht in falschen Verdacht zu kommen den Grund seiner Anwesenheit: „Ich habe Atemwegsbeschwerden und erhole mich hier die nächsten vier Wochen“. „Haha“, sagte Bernadette, jeder kennt doch deine Schwester“ (hier verfinsterte sich Boris‘ Blick) „da war noch niemals die Rede von einem erholungsbedürftigen Bruder. Ich bin übrigens hier wegen meines Hautausschlages.“ Sie schauten sich an und mussten beide heftig lachen, denn ohne weitere Worte wussten beide, dass sie von zuhause und ihren übermächtigen Geschwistern geflüchtet waren. Bernadette setzte sich wortlos zu Boris und beide schauten in die Ferne, wie die Sonne im Meer verschwand.

        Als sie sich verabschiedeten, schlug Bernadette vor, sich am nächsten Morgen bei der Kutterhalle zu treffen, da wäre ein Strandlauf angesagt, und die kurze Strecke könnten sie doch beide mitrennen. Boris schlug sofort ein und so gingen sie auseinander. Aus den Augenwinkeln sag Boris noch den funkelnden Augenaufschlag von Bernadette, die kurz darauf in der Dunkelheit verschwand.
        Tags darauf trafen sich beide wie besprochen und der Startschuss war nicht mehr fern. Sie hatten sich für die kurze Strecke entschieden, aber schon bald konnten beide nicht mehr folgen, der Abstand wurde immer größer. Der erste Getränkestand war bereits abgebaut, als die vorbeikamen, sie wurden immer stiller bis Bernadette Boris dazu aufforderte, alleine weiterzurennen. Doch dieser verneinte atemlos: „Ich kann doch auch nicht mehr schneller.“ Kurz vor dem Wendepunkt verließen die beiden die Strecke und legten sich an den Deich, um die anderen Anwesenden zu beobachten.

        Nicht lange mussten sie warten, bis sie eine Stimme hörten: „Ach ihr zwei seid die, die ausgestiegen sind beim Strandlauf. Hahaha. So wie ihr ausseht, wäre ich nicht mal an den Start gegangen.“ Sie konnten die Worte kaum verstehen, das Gesprochene wurde immer wieder von lautem Lachen unterbrochen. „Hahaha, immer ein paar Blöde, die sich überschätzen, na selbst schuld.“ Die Stimme entfernte sich. In Boris war der Zorn hochgestiegen, er griff nach einem Stein am Strand und warf ihn dem Träger der Stimme über den Strandkorb hinterher. Er hörte nur einen dumpfen Schlag, und dann nochmals einen Schlag, wie wenn etwas zu Boden fiel. Bernadette sprang auf, schaute sich um und wurde kreidebleich im Gesicht.
        (tbc.)

        Gefällt 2 Personen

  2. In jedem Fall hattest du einen guten Abend und das ist doch schon mal eine ganze Menge. Außerdem ist für uns einen coolen Beitrag rausgesprungen. 😉 Besonders köstlich gelacht hab ich über „beschreib mal, wie du aussiehst“… hahaa und das bei Tinder. 😀

    Gefällt 3 Personen

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