#MeToo

#MeToo – ein Hashtag, der zurzeit viel benutzt wird. Er soll darauf aufmerksam machen, wie viele Menschen (nicht nur Frauen) Opfer sexueller Belästigung wurden. Erschreckend viele Frauen – und ja, meist sind es die Frauen – wurden nicht nur mit Worten und Blicken belästigt, sondern begrapscht und vergewaltigt.

Das ist sicherlich ein Thema, über das geredet werden muss. Aber nicht hier. Oder: ich will etwas anderes dazu sagen. Nämlich: wie oft wir zweierlei Maß nehmen. Dazu paar Geschichten aus meinem Leben.

  1. Ich kam zu einem neuen Patienten (männlich, Mitte/Ende 70) ins Altenheim. Der Altenpfleger nannte mir die Einzelheiten zur Krankengeschichte und warnte mich vor, dass der Patient „nicht ganz ohne“ sei. Seiner Ärztin hatte er gesagt, sie habe „geile Titten“ und die Schwesternschülerinnen durften ihn schon nicht mehr pflegen. Ich war also voreingenommen. Ich weiß gar nicht mehr, was er genau sagte, ein paar anzügliche Andeutungen waren auf jeden Fall dabei. Als ich mich verabschiedete fragte er mich: „Hast du nicht was vergessen?“ – „Was?“ – „Den Abschiedskuss?“ Ich schnaubte nur abfällig und ging.
  2. Ich kam zu einem anderen Hausbesuchspatienten. 96 Jahre alt, lebte noch selbstständig in der eigenen Wohnung. Geistig topfit, während den Behandlungen diskutieren wir über Sport und Politik. Eines Tages strahlte er mich an: „Ich habe heute Geburtstag.“ Ein Blick in die Patientenakte, tatsächlich: „Alles Gute zum 97ten Geburtstag!“ Ich wollte ihm die Hand reichen, doch er schüttelte nur den Kopf und tippte sich vielsagend auf die Wange. Ich habe ihm das Geburtstagsbussi gegeben.

Na, merkt ihr was? Wie hätte ich bei Nr. 1 reagiert, wenn mich der Pfleger nicht vorgewarnt hätte? Und hätte Nr. 2 das Bussi bekommen, wenn er 20 Jahre jünger gewesen wäre? Mit Nr. 1 gab es übrigens noch ein Nachspiel – hehe. Während einer anderen Behandlung sollte er  im Bett liegend die Beine anwinkeln und den Po anheben. Das kräftigt erschlaffte Männerbeine. Er wollte dabei meine Unterstützung: „Wenn Sie ihre Hand unter meinen Po legen kann ich das besser.“ Ich war genervt. „Wenn Sie 50 Jahre jünger wären und besser aussähen, würde ich das glatt tun. So aber nicht.“ Haha, der hat nie wieder was Blödes gesagt.

 

Ich glaube, dass wir bei dieser #MeToo-Diskussion aufpassen müssen, was wir als Belästigung auffassen und was ein harmloser Flirt sein soll. Nr. 1 wollte vielleicht nur flirten (wobei ich das eigentlich nicht glaube). An meiner ablehnenden Haltung hätte er aber auch merken müssen, dass ich das nicht will. Pluspunkt für ihn: als ich sehr deutlich wurde  hat er mich in Ruhe gelassen. Wenn ich mich mit jemanden unterhalte, berühre ich ihn gerne, besonders wenn ich einen im Tee habe und in Flirtstimmung bin. Muss ich jetzt Angst haben, dass er sich belästigt fühlt, wenn ich ihn anfasse? Okay, ich sollte ihm nicht gerade in den Schritt fassen, denn das fällt wohl wirklich unter sexuelle Belästigung. Es sei denn, derjenige steht auf mich und wir landen danach im Bett. Na, wieder zweierlei Maß, oder?

Ganz sicher kann man sich wohl nie sein. Wir sollten einfach mehr auf die Feinheiten achten und sagen, wenn uns etwas nicht gefällt. Wenn ich mein Gegenüber berühre und derjenige mir ausweicht, gefällt ihm das vermutlich nicht. Also lass ich es bleiben. Wenn ich aber so unsensibel bin und ihn weiter „betatsche“, dann sollte er mir das sagen, dass er das nicht will. Kann man ja auch freundlich formulieren.

 

Ja, ich bin schon Opfer sexueller Belästigung geworden. Wobei ich mich nicht als Opfer sehe, denn ich leide nicht darunter. Abgesehen von Nr.1 gab es noch den Schlaganfallpatienten, halbseitig gelähmt, der mir an den Hintern fasste. Ich habe ihn aus Reflex geohrfeigt. Jetzt behandelt mein Kollege ihn. Weil ich es nicht mehr wollte. Die Ohrfeige hatte für mich keine Konsequenzen. Ebenso habe ich die „Klassiker“ mitgemacht, auf Partys, im Gedränge. Irgendwie wird man immer „ganz zufällig“ an Brust und Po berührt.

Oh, da fällt mir noch eine andere Geschichte ein. Ich war mit Kommilitoninnen am Badesee gewesen. Zu späterer Stunde waren weniger Familien, dafür mehr einzelne Männer am See. Und wir Mädels. Das fiel uns erst auf als der alte Mann neben uns auf seiner Decke anfing zu onanieren. Und der Mann hinter uns auch. Und auf dem Rückweg stand einer im Busch. Dabei waren wir nicht mal im FKK-Bereich…

Vor kurzem habe ich den Hashtag im Chat mit einer Tinderbekanntschaft verwendet. Netter Typ, sah gut aus, ähnliche Hobbys. Hätte passen können. Nachdem wir viel hin und her geschrieben hatten, ohne dass dabei ein Date herausgekommen war, wollte ich ihn festnageln und fragte ihn, wann er denn mal Zeit hätte.

Er: Weiß nicht 😦

Er: Jetzt habe ich Bilder im Kopf

Ich: Was für Bilder?

Er: Du über mir

Ich: Träum weiter

Er: Warum immer nur träumen?

Ich: Weil es so rüberkommt, als wenn du mich nur zum Vögeln treffen wolltest.

Er: Hätte schon mal wieder Lust 😉 aber erst mal kennenlernen gehört ja dazu. Aber ich finde locker was rumflaxen beim Schreiben wäre schon ok.

Ich: Bei Leuten, die ich nicht kenne finde ich das doof.

Ich: #metoo 😉 😉 😉

Er: Anscheinend haben wir da doch eine ganz andere Ansicht vom Leben. Ich wünsche dir viel Glück. Ich möchte dich ja nicht belästigen.

Sicherlich habe ich mit meinem Kommentar #metoo übertrieben. Nicht umsonst habe ich dahinter drei Zwinkersmileys gesetzt. Ich fühlte mich in dem Moment nicht unbedingt belästigt. Nein, ich war schwer genervt. Da will man einen Typen kennenlernen und einfach nur einen Termin fürs Date ausmachen und das funktioniert nicht, weil der Kerl nur ans Vögeln denkt.

 

Und jetzt? Tinder liegt aktuell auf Eis, ich bin genervt. Hab heute Morgen versucht in der Supermarktschlange zu flirten, aber der Typ hat mir nur seinen knackigen Hintern zu gedreht (wenn der meine Gedanken hätte lesen können, hätte er bestimmt #meToo geschrien). Muss ich halt weiter mit dem Pferd kuscheln.  Aber das mag mich nur, wenn ich Möhren dabei habe. Oder Bananen. Besonders Bananen.

Memo an mich selbst: Bananen kaufen.

(Gut, dass das Pferd keine Ahnung von Hashtags und kein Internet hat.)

31 Kommentare zu „#MeToo

    1. Von #hetoo habe ich noch nichts gehört. Die Medien haben eine wahnsinnige Macht, gerade in solchen Fällen wo es um sexuelle Belästigung geht. Speziell in diesem Fall wird übertrieben, finde ich. Nach einem sehr deutlichen Nein! (oder ich schlage Ihnen ins Gesicht) hat er die Dame nicht weiter belästigt. Punkt. Muss das jetzt noch in alle Einzelheiten zerlegt werden?

      Gefällt mir

  1. Interessante Aspekte, diese Beispiele aus dem Umgang mit Patienten, danke! Das Argument „Bescheid sagen, wenn einem anzügliche Bemerkungen/Berührungen etc. nicht gefallen“ trifft leider nicht immer zu: ein großer Bereich der #metoo-Berichte bezieht sich ja auch auf Situationen, in denen es ein großes (berufliches) Machtgefälle zwischen Belästiger und Opfer gibt – die Optionenen sind dann nicht so klar und einfach wie sich wehren/was sagen und es hinnehmen, weil „der macht mich fertig, wenn ich was sage/mich wehre“ und „Glaubt mir das jemand, wenn ich was sage?“

    Gefällt 2 Personen

    1. Natürlich ist es ein schwieriges Thema. Im Idealfall sollte aber ein „Nein!“ ausreichend sein, um sich aufdringliche Typen vom Hals zu halten. Egal, ob es sich um einen Filmproduzenten oder einen Bauarbeiter handelt. Es ist allerdings Fakt, dass viele Frauen/Opfer berufliche Vorteile durch ihr Schweigen erfahren haben. Das macht die Männer/Täter nicht weniger schuldig. Aber dadurch haben die Opfer den Tätern noch mehr Macht über sie gegeben. Es ist gut, dass darüber gesprochen wird.

      Gefällt 1 Person

  2. Wirklich schöner Beitrag. – Und wie Du schon schreibst, es sollte egal sein, ob es sich hier um Filmproduzenten handelt oder nicht. Ich denke auch, was sexuelle Übergriffe angeht, gibt es keine zwei Meinungen.

    Leider aber gibt es eben auch – wie Du schon schreibst – immer noch diejenigen, die durch Schweigen berufliche Vorteile…. ja, was denn nun? „In Kauf genommen“ haben? Bzw. immer noch in Kauf nehmen, das ist leider so. Und die erweisen der ganzen Sache einen Bärendienst.
    Vor solchen Frauen wird man mitunter auch unter Kollegen gewarnt. Aber wenn ein Mann dazu im größeren Kreis äußert, heißt es höchstens, stell Dich nicht so an.

    Und dann hast Du ja immer noch Leute wie eine gewisse Frau Schrowange, die da was von Leuten erzählt, die schon 20 Jahre unter der Erde sind. Wer ihr widerspricht, wird dann mit „naja, in dem Alter“ abgebügelt. Aber sie war mal wieder im Gespräch. Die „Medienwelt“ überläßt dann dem Leser, sich über diese Damen eine Meinung zu bilden und hofft, er kriegt das hin. 😉

    Gefällt 2 Personen

      1. Eben – warum so lange warten? Ihre Sendung lief noch ordentlich. Und jetzt damit (erneut) um die Ecke kommen?

        Ich komme eben vom Bäcker, halbes Familienstück Kuchen gekauft. Ältere Verkäuferin, Ende 50. Bringt dann so’n Spruch wie „Kommen Sie bald wieder. Kann Sie ja nicht nur einmal die Woche glücklich machen.“ Soll ich mich da jetzt belästigt fühlen? Hashtag aufmachen? Da sind manche – weil sie es wollen – schon voll in der Debatte. Und DAS ist an dieser ganzen Sache irgendwie irre, finde ich.

        Gefällt 2 Personen

      2. Sehe ich als Mann ja auch so. – Aaaaber: weiß ich denn, wie’s ankommt? Oder ob da eine in 20 Jahren erzählt,…. Und da sehe ich halt eine ganz schwierige Entwicklung. Mal so ganz blöd daher gesehen: wenn frau Pech hat, gibt es bald nicht mal mehr Komplimente – aus Selbstschutz.

        Leider tun diese ganzen Leute, die nun anfangen, was vor Jahrzehnten passiert sein soll, der Diskussion um ein vom Grund her ernstes Thema nicht gut.

        Gefällt 1 Person

      3. Der Ton macht die Musik 😉 oder die Ausdrucksweise. Heute habe ich ein Kompliment bei Tinder bekommen: heiße Frau! Ich habe gar keine Lust dem Mann zu antworten. Zwar sehe ich das nicht als Grund #metoo zu schreien, aber es geht eindeutig in die falsche Richtung. Hätte er mir gesagt, dass ich „schön“ bin, tolle Augen hab oder sonst was, wäre es besser angekommen. Aber so klingt es fast anzüglich.

        Ich denke, dass Männer mehr auf ihre Wortwahl achten sollten. Tolle Figur, statt geile Titten. Und wir Frauen sollten weniger empfindlich sein – solange es verbal bleibt!!!
        Und mal ganz im Ernst: wenn ich als Frau nen Ausschnitt bis zum Bauchnabel trage, dann erwarte ich doch die Blicke und Kommentare. Nicht aber eine Vergewaltigung, wie so mancher Strafverteidiger behauptet.

        Gefällt 1 Person

  3. Wichtige Gedanken und Überlegungen, die ich noch einordnen möchte. 🙂 Danke hierfür! Ich selbst bin mit diesem Thema anders umgegangen und mich würde sehr deine Meinung interessieren. Ich würde mich freuen, denn besonders die Debatte (auf Augenhöhe) ist bei dieser Thematik wichtig. Denn Sexismus ist nicht einfach, sondern manchmal sehr subjektiv. https://frauk.blog/2017/11/16/vor-dem-gerichtstermin-pruefe-ich-mein-erscheinungsbild-metoo/

    Gefällt 2 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.