Der Soldat – Berufungstermin II

Der Soldat wurde gefragt, ob er nicht doch noch was zu meiner Aussage zu sagen hätte. „Nein“, antwortete er. „In Gegenwart der Familie meiner Frau möchte ich die ganze Geschichte nicht breittreten.“ Der Richter beugte sich zu ihm herüber: „Das verstehe ich jetzt nicht. Was genau möchten Sie nicht breittreten? Wo genau ist Ihr Problem?“ Der Soldat reagierte gereizt: „Ja, schauen Sie doch mal. Da hinten sitzt die Familie meiner Ehefrau. Die weiß von diesem Termin hier nichts (hätte mich auch gewundert). Ist doch ganz klar, dass DIE (er zeigte auf mich) mich fertig machen will, wenn DIE mit der Familie hier auftaucht.“ Der Richter schaute ihn etwas irritiert an: „Herr Angeklagter, Ihnen ist schon bewusst, dass dies hier eine öffentliche Verhandlung ist? Hier darf jeder zusehen.“

Der Soldat stotterte etwas kleinlaut: „Äh ja hmm…“ Wusste wohl nicht, was er sagen sollte. Der Richter fragte weiter: „Herr Angeklagter, Sie hatten etwas von Zeugen gesagt. Was sind das für Zeugen und warum sind die nicht hier?“ Sofort hatte der Soldat wieder Oberwasser: „Ja, da ist zum einen mein Bruder. Der hätte mir damals das Geld geliehen. Außerdem ein Kumpel von mir…“ Hallo? Jetzt war ich irritiert. Ich hatte weder den Bruder noch sonst wen kennengelernt. Was wollten diese Leute denn jetzt bezeugen? Mal abgesehen davon waren sie ja auch gar nicht da. Und selbst wenn sein Bruder ihm das Geld geliehen hätte, wäre es doch Betrug geblieben, insbesondere da ich ja kein Geld erhalten hatte. Da half ihm auch kein „eventuell vielleicht hätte wenn und aber“.

Ich weiß gar nicht mehr genau, wie es dann weiterging. Meine Erinnerung ist leicht benebelt.  Irgendwann verlas der Richter das Strafregister des Soldaten und ich merkte, wie die Schwägerin, die neben mir saß, immer weiter in sich zusammensackte. Egal welche Zweifel an meiner Geschichte noch bestanden hatten, das Vorstrafenregister machte sie wett. Dann war der Staatsanwalt, welcher bisher noch nicht viel gesagt hatte, an der Reihe und hielt sein Plädoyer. Er war sehr sachlich – schade! Beim ersten Prozess ging der damalige Staatsanwalt mehr zur Sache. Dieses Mal war es fast langweilig. Er forderte das selbe Strafmaß wie sein Vorgänger, also 6 Monate Haft. „Der Angeklagte gibt zwar an, durch seinen Beruf und seine Familie eine günstige Sozialprognose zu haben, aber da habe ich meine Zweifel. Er zeigt hier keinerlei Reue und Einsicht. Zudem ist da noch die laufende Bewährung von dem Strafverfahren aus 2016; die Bewährung läuft noch bis 2019. Daher fordere ich 6 Monate Haft ohne Bewährung.“

Der Richter nahm das zur Kenntnis und wandte sich an den Soldaten: „Wenn Sie einen Anwalt hätten, wäre nun der Moment für sein Plädoyer gekommen. Den haben Sie aber nicht. Was erwarten Sie also? Straffreiheit?“ Der Soldat nickte. Straffreiheit??? Das konnte ja wohl nicht sein Ernst sein! Schon allein, dass dieses Wort am heutigen Tage fiel, schockierte mich. Die Beweislage war doch erdrückend, wie konnte man da überhaupt über Straffreiheit nachdenken? Bewährung wäre schon eine Niederlage für mich gewesen, aber wenn der Kerl jetzt ungeschoren davon käme…!

Der Richter forderte den Soldaten auf, selbst noch etwas zu seiner Situation zu sagen. Und er ratterte los: „Es ist doch offensichtlich, dass DIE mich fertig machen will. Taucht hier mit der Familie meiner Frau auf. Sie kommt einfach nicht damit klar, dass ich mich gegen sie entschieden habe. Wir hatten nie eine richtige Beziehung, das habe ich ihr von Anfang an gesagt, dass ich mir nicht klar bin über meine Gefühle (musste er ja sagen, schließlich saßen ja die Geschwister seiner Frau im Saal. Warum hat er mir eigentlich seinen Sohn vorgestellt, wenn ihm das mit uns nicht wichtig war?). Und als ich  mir dann klar war, dass das mit uns nichts werden würde, da ging das Theater erst richtig los. Die hat mir auf der Kirmes aufgelauert (ätsch), und mir gedroht mich fertig zu machen. Das hat die mir auch per Whatsapp geschrieben. Können Sie sich gerne mal ansehen. (Ich muss mal den Verlauf checken, ob ich das wirklich geschrieben habe. Ich glaube aber, dass es anders herum war.) Ja, ich weiß, ich habe in der Vergangenheit viel Mist gebaut, aber ich kann und möchte mich ändern. Ich habe einen tollen Job, ich bin glücklich verheiratet. Außerdem habe ich einen wunderbaren Sohn aus einer früheren Beziehung, den ich immer häufiger sehe. Ich zahle meinen Unterhalt rechtzeitig. Ich habe Angst davor, dass das alles kaputt geht, nur weil DIE mich fertig machen will. Ich habe Angst, dass ich wieder von vorne anfangen muss, wenn ich jetzt ins Gefängnis gehe. Ich glaube, dass schaffe ich nicht.“

Ich war erschüttert. Nicht, weil ich ihm das abnahm, sondern vielmehr, weil ich das Gefühl hatte, dass der Richter ihm sorgsam zuhörte. Und weil ich Angst hatte, dass der Richter ihm die Mitleidsnummer abnahm. Der Richter verließ den Saal, mit ihm zwei weitere Personen, die neben ihm gesessen hatten (Schöffen? Ich kenne mich da nicht aus.). Es folgte also die Beratung für das Urteil. Ich hatte das Gefühl, dass es eine Ewigkeit dauerte. Wahrscheinlich waren es nur ein paar Minuten, aber ich war nervös. Der Soldat ließ sich nichts anmerken, saß still an seinem Platz.

Der Richter betrat wieder den Sitzungssaal, wir erhoben uns und er verlas das Urteil: „Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil: Der Angeklagte wird zu einer Freiheitstrafe von 6 Monaten verurteilt. Eine Bewährungsstrafe ist nicht vorgesehen.“ Wir durften uns wieder setzen und der Richter erklärte die Entscheidung: „Der Angeklagte sieht seine Schuld nicht ein, zeigt keine Reue. Wie sehen hier keinen Grund für Milde und eine Bewährungsstrafe, zumal er noch auf Bewährung ist. Hiermit ist das Urteil rechtskräftig. Sie können innerhalb einer Woche Revision einlegen und müssen sonst innerhalb eine Monats zu Haft antreten.“

Puuh, Erleichterung! Natürlich! Eigentlich hätte es gar nicht anders kommen können. Die Schuld des Soldaten ist offensichtlich, die Beweislage war klar. Seine Argumentation gegen mich blieb ja die ganze Zeit über auf der persönlichen und emotionalen Ebene. Ich wolle ihn fertig machen, ich käme mit der Trennung nicht klar. Ja, und selbst wenn es so wäre! Der Betrug bliebe immer noch derselbe. Und genau dieses Thema hatte er mit keinem Wort erwähnt, was wahrscheinlich sein Fehler war. Hätte er mal gesagt „Ja, ich habe einen Fehler begangen, ich habe mir das Geld erschlichen und das tut mir Leid“, dann hätte er vielleicht Bewährung bekommen. Vielleicht! Aber so ist es für mich der bestmöglichste Ausgang.

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