Der Soldat – Der Berufungstermin I

Heute (06.06.) war der Gerichtstermin. Bianca wollte mir ihrem Mann und drei weiteren Geschwistern dabei sein.

Wir trafen uns 20min vor dem Gerichtstermin am Amtsgericht. Wir wollten gemeinsam hineingehen, damit wir schön die Reaktion des Soldaten sehen konnten, wenn ich dort mit der Familie seiner Frau erscheinen würde.

Es regnete. Es war windig. Mein Schirm hielt dem Wetter nicht stand, also schloss ich ihn wieder und stellte mich unter ein Vordach. Kurz darauf erschien Bianca mit Mann und Geschwistern. Wir stellten uns kurz einander vor und betraten das Gebäude des Amtsgerichts. Ich trat als erste in die Schleuse, erklärte dem Beamten kurz mein Anliegen. Handtasche auf das Fließband, ab durch die das Sicherheitstor (oder wie das Ding heißt. Ähnlich wie beim Flughafen), Handtasche mitnehmen – und raus aus der Schleuse. Ich wartete auf die anderen, bei fünf Leuten dauerte das eine kleine Ewigkeit. Wir gingen die Treppe hoch zum Gerichtssaal. Und da saß der Soldat schon. Er ließ sich nichts anmerken, sagte nichts, zeigte keine Emotionen. Wir gingen an ihm vorbei, setzten uns auf die andere Seite des Flures. Nur einer der Brüder wollte den Soldaten mit Handschlag begrüßen. Das verweigerte er ihm. Also setzte sich der Bruder zu uns.

Wir schwiegen. Der Soldat blickte unentwegt auf sein Handy, stand auf, ging kurz weg. Telefonierte. Ich tauschte mit den Geschwistern seiner Frau vielsagende Blicke aus. Er hatte wieder keinen Anwalt dabei. Er kam zurück, setzte sich. Leute betraten den Gerichtssaal und wir wurden aufgerufen. Diesmal sollte ich auch zu Anfang direkt mit in den Saal. Es folgte die Belehrung und ich musste den Saal wieder verlassen. Dann wurde ich wieder aufgerufen. Ich nahm im Zeugenstand Platz und sollte von Anfang an erzählen, was ich erlebt hatte. Okay, das war beim ersten Mal anders gewesen. Ich schilderte, wie ich den Soldaten kennengelernt und wie sich daraus eine Beziehung entwickelt hatte. Ich erzählte von dem Diebstahl und dass ich ihm Geld geliehen hatte. „Wann hatten Sie ihm das Geld geliehen?“ Puh, das genaue Datum wusste ich nicht mehr. „Anfang Februar 2016. Und ein paar Tage später noch mal.“ „Um welche Summen handelte es sich dabei jeweils? – Wann genau hatten Sie ihm das Geld geliehen? – Warum hatten Sie ihm das Geld gegeben?“ Der Richter fragte immer wieder nach, stellte mir immer wieder dieselben Fragen. Vielleicht wollte er sehen, ob ich mich in Widersprüche verwickeln würde. Tat ich aber nicht.

Der Richter fragte mich, was der Soldat mir über seine finanziellen Verhältnisse gesagt hatte und ich erzählte von der achso-reichen Pflegefamilie und dem hohen Einkommen des Majors. Vom Auslandseinsatz im syrischen Grenzgebiet. Vom Schuldschein. Wie ich herausfand, dass alles eine Lüge war. In meinen Ohren klang meine Stimme brüchig und unsicher, aber meine Hände, die zuvor noch gezittert hatten, waren ruhig.

Der Richter hatte keine weiteren Fragen mehr, ebenso wenig der Staatsanwalt. Wollte der Beschuldigte noch eine Frage stellen? Nachdem er mich beim ersten Termin im Gericht verbal hart angegangen war, war ich nun auf alles gefasst. Doch der Soldat blieb ruhig: „Ich habe noch ganz viele Fragen. Aber nein, die tun hier nichts zur Sache.“ Aha, ich war etwas überrascht.
Ich blieb unvereidigt und durfte hinten platznehmen. Die Geschwister der Soldatenfrau wirkten – ja wie eigentlich? Fassungslos ist vermutlich der beste Ausdruck. Sie kannten meine Geschichte zwar schon, doch das ganze live und in Farbe vor Gericht nochmals präsentiert zu bekommen machte es vermutlich noch realer. Ich war erleichtert, ich hatte meine Pflicht getan und konnte jetzt durchatmen.

 

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3 Kommentare zu „Der Soldat – Der Berufungstermin I

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