Marathon – Zu viel Druck

Montag, 27.03.

Soll: 15km, 5:30er-Pace                             Haben: Zusammenbruch

Der Halbmarathon vom Samstag hatte mich total demoralisiert, demotiviert. Mir graute schon morgens vor dem Tempolauf. Ich hatte Urlaub, konnte also noch das Tageslicht. Dennoch schob ich diesen Lauf vor mir her, bis ich dann gegen Abend aufbrach. Ich wollte mich eigentlich gar nicht so aufs Tempo versteifen. Ich wollte es langsam angehen lassen und meine Beine das Tempo laufen lassen, wie sie es wollten. Dennoch immer wieder der Blick auf die Uhr: Pace zu langsam, Puls zu hoch. Mist! Ich machte mir doch Gedanken! Sorgen, dass ich den Marathon nie in der angestrebten Zeit schaffen würde. Ich glaubte nicht mal mehr, dass ich überhaupt den ganzen Marathon überstehen würde.

Meine Trainingskollegen hatten mir die letzten Wochen zwar immer wieder gesagt, dass ich doch so super in Form sei. „Marathon unter vier Stunden bist du doch schon gelaufen, dann musst du jetzt auch mindestens 10min schneller sein.“ Und „Unter 3Stunden 50min schaffst du doch locker.“ Na klar, in meinen Träumen vielleicht.

Mir ist der Druck zu viel! Das ist ja alles nett gemeint, die wollen mich ja alle nur motivieren. Dann bekomme ich ständig Whatsapp-Nachrichten von Leuten, die wissen wollen, wie das Training läuft. Maaaann, ich will dazu nichts sagen im Moment. Training läuft scheiße, ich bin unzufrieden, macht gerade alles keinen Spaß. Außerdem habe ich 2kg zugenommen, das fuchst mich total. Ich fresse im Moment einfach zu viel. Im Vergleich dazu: letztes Jahr habe ich 5kg während der Vorbereitung abgenommen.

Montag quälte ich mich also durch die Gegend, all das ging mir durch den Kopf, bis ich anhalten musste, weil ich keine Luft mehr bekam. Ich setzte mich auf einen Stein und heulte erst mal eine Runde. Und lief erst weiter als mir kalt wurde. Ganz langsam, die Uhr hatte ich ausgeschaltet.

Mittwoch, 29.03.

Soll: Intervalle Haben: Shopping-Tour und Sofa

Pöh, die Intervalle konnten mich mal kreuzweise. Ich war morgens mit einer Freundin zum Outlet-Center gefahren, es war Shoppingzeit angesagt. Ich hatte keine Lust auf Intervalle oder sonstige Tempo-Einheiten. Ich hätte es zwar pünktlich zum Training geschafft, da wir schon nachmittags zurück waren, aber ich.hatte.keine.Lust. Punkt!

Abends klingelte wieder das Handy. Trainingspartnerin: „Warst du heute aufm Platz? Wie wars? Wie viel musst du morgen laufen?“ Einfach mal ignoriert.

Donnerstag, 30.03.

Soll: 10km ruhiges Tempo Haben: ca. 1 Stunde ohne Uhr

Ich bin ohne Uhr gelaufen. Meine Standard-ca.10km-Runde. Ging gut. Hat Spaß gemacht. Ohne Uhr. Ohne Puls. Ohne Pace.

Freitag, 31.03.

Soll: 8km, 5:30er-Pace Haben: wie Donnerstag

Samstag: 01.04.

Soll: 32km, ruhiges Tempo Haben: 32,00km, 3 Std 22min (Pace 6:18), Puls 143

Den langen Lauf musste ich wohl oder übel mit Uhr laufen. Ich musste ja wissen, wie viele Kilometer ich in den Beinen hatte. Zur persönlichen Belustigung hatte ich mir extra ein Hörbuch auf den mp3-Player geladen, doch blöderweise war davon irgendwie der Anfang verloren gegangen. Die Geschichte startete irgendwo mittendrin. Ziemlich unlustig. Also steckte ich den Player wieder ein und lief einfach so, ohne zusätzliche Beschallung.

Ich lief entlang des ausgeschilderten Rad-Rundweges. Das Wetter war herrlich, 15° und bedeckt. Genau mein Wetter zum Laufen. Zwischendurch gab es kleinere Regenschauer. Perfekt! Der Rad-Rundweg führte am Bach entlang, durch die Bauernschaften bis ins Nachbardorf. Nach 16km (Yeah, Halbzeit) hatte ich die Wahl. Wollte ich den direkten Weg nach Hause laufen, an der Straße entlang oder durch den Wald, noch 16km. Natürlich letzteres! Das passte ja wie Ar*** auf Eimer. Eine schöne Strecke und noch genau die Länge, die ich benötigte.

Die Freude hielt nicht lange, denn 300m weiter war der Radweg gesperrt. Feuerwehr und Polizei leiteten den Verkehr um, in der Ferne sah man einen Rettungswagen und über uns kreiste ein Rettungshubschrauber. Ohje, das sah nicht gut aus. Ich fragte Passanten, wie ich denn am Besten nach Hause kam, idealerweise wollte ich irgendwo nach der Unglücksstelle wieder in den Radweg einsteigen. Ein ältere Dame schaute mich schockiert an: „Sie wollen in den Nachbarort? Zu Fuß???“ Natürlich zu Fuß, ich war ja dort auch gestartet. Die Dame war total perplex. Konnte sie sich nicht vorstellen. Das war ja total verrückt. Sie war so schockiert, dass sie mir den Weg auch nicht erklären konnte (die grobe Richtung hätte mir ja schon gereicht). Eine jüngere Frau war etwas

weniger geschockt und konnte mir tatsächlich erklären, wie ich laufen musste.

Kurz bevor ich zu Hause war – also auf den letzten 6km – bekam ich Hunger. Ich hatte zwar noch ein Gel in der Tasche, aber das wollte ich mir sparen. Sollte sich mein Körper doch ein wenig quälen. Der Geist war zumindest willig und vor allem motiviert. Mein Puls erhöhte sich fast um 10 Schläge, ich schieb das mal auf den Hunger, denn schneller lief ich nicht.

Zu Hause gab es zur Belohnung Twix white. Mein aktueller Lieblingsschokoriegel 😀

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6 Kommentare zu „Marathon – Zu viel Druck

  1. Ich finde es trotzdem klasse, dass du diese Woche und den gestrigen Lauf durchgezogen hast. Ich drücke dir weiterhin die Daumen 👍 Egal welche Zeit am Ende rauskommt; es gibt nicht viele, die das ganze auf sich nehmen. Darauf kann man auch schon stolz sein.

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  2. Alle Achtung, dass Du es dennoch durchziehst. Und: Manchmal ist es wichtig, sich (zur Not mit demonstrativem Trotz) gegen die gut gemeinten Frager abzusetzen. Die wollen motivieren, aber Motivation kommt aus einem selbst heraus – die anderen können helfen, aber das „Selbst Wollen“ nie ersetzen.

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