Der Soldat – Gerichtstermin II – Aussage

Die Zeit verging scheinbar gar nicht und meine Gedanken fuhren Karussell. Was, wenn er alles abstritt? Okay, ich hatte den Schuldschein. Was, wenn er behauptete das Geld schon gezahlt zu haben? Aber ich hatte ja den Titel. Was, wenn sein Anwalt mich ins Kreuzverhör nehmen würde? Hatte er überhaupt einen Anwalt? Ich hatte wohl gesehen, dass der Soldat seine Freundin – äh, Frau – nicht dabei hatte… Jaja, frisch verheiratet und dann begleitet man seinen Mann nicht zu so einem Gerichtstermin? Ich bezweifelte, dass sie überhaupt etwas davon wusste. Ich fragte die Frau, die neben mir saß, ob sie einen Anwalt gesehen hatte. Nein, hatte sie nicht. Puh, ich fühlte mich zumindest etwas erleichtert.

Und dann wurde ich aufgerufen: „Die Zeugin bitte in Gerichtssaal 3.“ Durch die Tür. „Guten Tag, bitte nehmen Sie Platz.“ Hinten saßen meine Freundinnen, geradeaus der Richter. In der Mitte ein Stuhl. Ich setzte mich. Links von mir der Staatsanwalt und eine Dame am Computer. Rechts der Vollidiot – nicht hinschauen, ignorieren. Tunnelblick auf den Richter. Aus dem Augenwinkel konnte ich sehen, dass der Soldat dem Richter halb zugewandt saß, den Blick nach unten gerichtet.

Frau Zeugin, Sie sind hier um gegen den Herrn Angeklagten auszusagen. Sie sind verpflichtet die Wahrheit zu sagen, auch wenn Sie unvereidigt bleiben. Eine Falschaussage führt zu einer Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr. Es kann sein, dass Sie zu einem späteren Zeitpunkt noch vereidigt werden. Ist Ihnen das bewusst?“ Ich nickte: „Ja.“

Sie haben dem Angeklagten Geld geliehen. Wie kam es dazu?“ Ich erzählte von dem Diebstahl, dass er Geld für den Schlüsseldienst benötigt hatte. „Und dann lieh ich ihm noch ein weiteres Mal Geld, da er einer längere Bahnreise antreten wollte.“ – „Was war das für eine Bahnreise?“ – „Der Herr Angeklagte hatte mir erzählt, dass er Krebs hatte und in eine Strahlenklinik nach München musste.“ Von rechts hörte ich: „Das ist stimmt ja auch.“ An Stelle der Worte „Zeugin“ und „Angeklagter“ standen natürlich die Namen von mir und dem Soldaten/Betrüger. Und wenn ich von ihm sprach, dann nur von Herrn XY. Ich weigerte mich seinen Vornamen auszusprechen. Zu viel Vertraulichkeit.

Was dachten Sie zu dem Zeitpunkt über die finanziellen Verhältnisse des Angeklagten?“ – „Er hatte mir erzählt, dass er hochrangiger Soldat war, bzw. im Januar aus gesundheitlichen Gründen aus dem Dienst ausgeschieden war. Er hatte mir da auch mal auf seinem Handy irgendwelche Unterlagen von der Bundeswehr gezeigt. Außerdem hatte er mir erzählt, dass seine Pflegeeltern viel Geld hatten, die Familie XY. Da habe ich dann irgendwann angerufen und hab dabei rausgefunden, dass deren Sohn mit dem Angeklagten befreundet war. Und man solche Geschichten schon häufiger vom Angeklagten gehört hat.“ Kein Kommentar von rechts. Der Richter fragte weiter: „Wie sind Sie dann genau dahinter gekommen, dass der Angeklagte sie belogen hat?“ – „Ich habe einen Mahnantrag gestellt, dann den Gerichtsvollzieher losgeschickt und durch die Finanzauskunft erfahren, dass der Angeklagte Hartz IV bezieht. Da war mir klar, dass da was nicht stimmte. Ich habe dann den Pflegevater angerufen und nach dem, was der mir erzählte, habe ich bei der Polizei Anzeige erstattet.“

Meine Freundinnen erzählten mir später, dass ich ruhig und sachlich geklungen habe. „Krass, so cool wie du hätte ich nicht bleiben können.“ Cool? So hatte ich mich nicht gefühlt. Ich dachte, dass meine Stimme gezittert hatte.

Von links, der Staatsanwalt: „Verstehe ich das richtig? Sie haben einen Titel gegen den Angeklagten?“ – „Ja.“ – „Und haben Sie bisher Geld vom Angeklagten erhalten?“ – „Er hat mir mal 50€ in den Briefkasten geworfen.“

Gar nicht wahr!“, von rechts. „Ich hab dir 250€ gegeben. Da habe ich Zeugen für. Lüg hier nicht rum! Das wirst du bereuen, du wirst noch von mir hören. Wir sehen uns noch!“ Der Richter wirkte leicht genervt: „Herr Angeklagter, meinen Sie wirklich, dass es klug von Ihnen ist, die Zeugin zu bedrohen? Hier vor Gericht?“

Stille.

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9 Kommentare zu „Der Soldat – Gerichtstermin II – Aussage

  1. Egal wie es ausgeht, es hat dich wertvolle Lebenszeit gekostet, die nicht ersetzbar ist. Ein Teufelskreis, denn Menschen mit bösen Absichten sind zur Rechenschaft zu ziehen. Loslassen, so bald als möglich.
    Wobei mein unspektakulären Leben mich nicht gerade zum Lebensberater qualifiziert. Nur eines kann ich dazu aus eigener Erfahrung kund tun: Belastungen im Privatleben schwächen das Marathontraining. Meine besten Zeiten bin ich mit freiem Kopf gelaufen, die schlechtesten mit Belastung. Das gilt für mich für alle Strecken von 10k bis M. Wobei auch das Laufen den Geist befreit.
    Keep on Running / Free your Mind!
    (Ich geh jetzt eine Stunde laufen 🏃 und da gibt’s was auf die Ohren…)

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      1. Das glaub ich grn. Aber nachdem Deine Freundin das ja bestätigt hat, hast Du wohl unbewusst – wahrscheinlich durch den Tunnelblick – auf eine sachliche Ebene gefunden, die Deine Gefühle zumindest nach außen unterdrückt oder kontrolliert hat. Mental hätte es für Dich besser nicht laufen können, denke ich. Und das hat den Soldaten richtig fertiggemacht, glaub mir! Der wollte Tränen oder andere Gefühlsausbrüche von Dir sehen, weil ihm das Macht verliehen hätte, Macht über Dich. Die Suppe hast Du ihm gründlich versalzen. 😀

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