Der Pole – Alle Jahre wieder

Die Monate vergingen, der Pole gratulierte mir auf Facebook zum Geburtstag, später schrieb ich ihm an seinem Geburtstag. Doch es blieb ein recht oberflächliches Geschreibsel. Der Arbeitskollege des Polen regte sich darüber auf: „Hat er sich nicht bei dir gemeldet? Er fragt ständig wie es dir geht. Ihr wärt so ein schönes Paar.“ Ja super, davon hatte ich aber nichts. Viel mehr deprimierten mich diese Art von Gesprächen, weil mir dadurch klar wurde, dass er scheinbar doch Interesse hatte, aber einfach den Hintern nicht hochbekam.

Sein Kollege vermutete, dass der Pole kurz vorm Burnout stände, vielleicht sogar depressiv sei. Der Job sei sehr anstrengend; ständig auf Montage, tausende von Kilometern entfernt, mal mit der Uhr, mal dagegen. Der ewige Jetlag sorge für Schlafprobleme, erklärte er mir. Er selbst habe mit seinen Vorgesetzten gesprochen und müssen nun weniger auf Montage, nur leider sei der Pole scheinbar nicht in der Lage seine eigenen Interessen beim Chef durchzusetzen. „Vielleicht ist er auch nicht in der Lage im Privatleben was für sich zu tun.“

Der Arbeitskollege hatte mal wieder Geburtstag. Und wie die Jahre davor saßen wir erst mit einigen Leuten gemütlich im Wohnzimmer zusammen bevor wir weiter in die Stadt zogen. Ich blieb bewusst auf Abstand zum Polen. Bloß nicht in Versuchung geraten! Das gelang mir auch ganz gut, bis wir in einer Kneipe standen und das Geburtstagskind/Arbeitskollege der Meinung war ganz dringend mit mir sprechen zu müssen. In einer ruhigen Ecke, in der natürlich auch der Pole stand. Das Gespräch zwischen dem Arbeitskollegen und mir ging ungefähr über fünf Sätze, da musste er plötzlich weg. Zur Toilette, oder zur Theke, oder sonst wohin. Hauptsache der Pole und ich unterhielten uns weiter. Ein plumperer Verkupplungsversuch war wohl nicht möglich.

Aber es war ein gelungener Versuch, zumindest Ansatzweise. Wir unterhielten uns gut, wie fast immer. Er erzählte mir, dass er mit dem Rauchen aufhören wollte (wollte er das nicht schon letztes Jahr? Und das Jahr davor?), überhaupt würde er schon viel weniger rauchen. Außerdem sei er auf der Suche nach einer neuen Arbeitsstelle (hatte er mir letztes Jahr auch schon erzählt…). „Voll geil“, erzählte er mir. „Ich war letztens auf Montage in M. Super cool. Morgens eine Stunde hin, abends eine Stunde zurück. Ich konnte im eigenen Bett schlafen.“ Er war begeistert. Ich eher weniger, denn aus eben jenem Grund, nämlich der Fahrzeit, war ich damals von zu Hause weggezogen. Eine Stunde fahren war mir schlichtweg zu viel. Nun gut, im Vergleich zu stundenlangen Flügen war das natürlich ein Luxusproblem.

Außerdem wollte er sich eine neue Wohnung suchen. Konnte ich verstehen. Seine 25m²-Bude war alles andere als luxuriös. Der Kleiderschrank stand sogar im Hausflur, weil in der Wohnung kein Platz dafür war. Ja, er hatte so viel vor, so viele Pläne. Mehr Sport wollte er machen, er wusste nur nicht wie, da er durch die Arbeit keine Zeit fürs Fitnessstudio hatte. Ich empfahl ihm einen Youtube-Kanal und er war total begeistert.

Er wollte noch mit mir Wodka trinken. Alles klar, er ist ja Pole. „Aber nicht pur!“ Das war kein Problem für ihn, obwohl er etwas skeptisch war: „Womit willst du den Wodka denn mischen?“ Mit Bitterlemon, worüber er sichtlich erleichtert war. Zumindest keine „süße Plörre“. Doch bevor wir zum Wodka übergehen konnten, wollte meine Freundin, die an jenem Abend Fahrerin war, nach Hause. Und ich fuhr mit ihr. Das überraschte übrigens alle. „Ich hätte ja nicht gedacht, dass du mit uns nach Hause fährst“, sagte sie. „So vertraut wie ihr da zusammen standet.“

Führe mich nicht in Versuchung…

5 Kommentare zu „Der Pole – Alle Jahre wieder

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