Der Betriebswirt – Unwohl

Wenn der Betriebswirt und ich allein waren fühlte ich mich nach wie vor wohl. Er war zuvorkommend, lieb und nett. Nur in Gegenwart von Anderen fühlte ich mich mit ihm zunehmend unwohl. Wenn wir mit Freunden zusammen waren, fand ich den Betriebswirt anstrengend – wie ihr wisst.

Ganz schlimm fand ich das Zusammensein mit seiner Familie. Er hatte kein inniges Verhältnis zu seinen Eltern: man lebte unter einem Dach, nahm die Mahlzeiten zusammen ein, Mutter machte Wäsche, putzte etc.  Aber gesprochen wurde in dieser Familie nicht viel. Dazu muss ich sagen, dass auch ich ein eher gespaltenes Verhältnis zu meinen Eltern habe. Mit meinem Vater komme ich absolut nicht zurecht, doch mit meiner Mutter verstehe ich mich gut. Wir unterhalten uns, unternehmen mal was zusammen oder spielen auch mal Gesellschaftsspiele.

In der Familie des Betriebswirts war das ganz anders. Wenn beim Essen geredet wurde ging es in der Regel nur um den Hof: Kuh 212 war ausgebüxt und die 307 würde morgen kalben. Außerdem war der Milchpreis wieder gefallen und der Traktor musste zum TÜV. Andere Themen gab es nicht. Erschreckend fand ich dabei den Ton, der dort herrschte. Vor allem der Betriebswirt änderte sich im Gespräch mit seiner Familie total. Es war, als wenn er plötzlich eine andere Sprache sprach. Während er zu mir weiterhin freundlich war, sprach er mit seinen Eltern arrogant, von oben herab. Es war nicht die Ausdrucksweise, nicht die Wortwahl. Es war tatsächlich der Ton, der Sprachfluss, die Stimme – all das änderte sich, wenn er mit seiner Familie sprach.  Das fand ich unheimlich.

Besonders erinnere ich mich an einen Sonntagmittag. Wir saßen alle am Tisch, während die Mutter noch am Herd stand und kochte. Die Männer führten „Hof-Gespräche“. Als das Essen dann auf dem Tisch stand, wurde gegessen. Die Mutter bediente uns quasi. Als wir mit dem Essen fertig waren, fragte der Betriebswirt seine Mutter: „Gibt’s auch Nachtisch?“ „Ja“, antwortete sie. „Ich habe Schokopudding gemacht.“ „Und? Holst du den auch?“

Ich war schockiert. Wenn ich so einen Spruch meiner Mutter gegenüber gebracht hätte, dann hätte es ein Donnerwetter gegeben. Bei meiner Familie ist es selbstverständlich, dass nach dem Essen gemeinsam der Tisch abgeräumt wird, bevor der Nachtisch geholt wird. Derjenige, der dem Kühlschrank am nächsten steht, darf/muss dann auch den Pudding holen. Nein, in der Familie des Betriebswirts war die Mutter scheinbar hauseigene Sklavin. Sie stand auf und holte den Pudding.

Als wir später unter uns waren, erklärte ich dem Betriebswirt, dass ich sein Verhalten unter aller Sau fand. Verstand er nicht. Nun gut, er war ja so aufgewachsen und erzogen worden. Trotzdem: ich dachte – für den Fall, dass wir jemals zusammenziehen sollten – was würde mir dann blühen?

13 Kommentare zu „Der Betriebswirt – Unwohl

  1. Da klingeln doch gleich die Alarmglocken.
    Letze Woche mußte ich auch die Augenbrauen heben: er kann keine Wasserflecken auf den Armaturen leiden. Hab ich gleich angemerkt, ich würde es prima finden, wenn er sie putzt.^^ Und es gibt vorgegebene Plätze am Tisch. Die Frau sitzt am nächsten zur Küche und Kühlschrank. Da sollte man gut aufpassen…noch macht er noch Frühstück…

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  2. Eine der wenigen Sachen, die ich über zwischenmenschliche Beziehungen gelernt habe, ist, dass Menschen nicht besser werden. Punkt. Im besten Fall bleiben sie so, wie man sie kennen gelernt hat. Meistens werden sie schlechter.

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